Georges Bizet

Carmen

Das Besondere an der französischen Oper des 19. Jahrhunderts ist, dass sie eine Vielzahl starker Frauenfiguren und -schicksale hervorbrachte. Carmen ist natürlich die prominenteste und wohl auch die am meisten missverstandene unter ihnen.

Den Schlüssel zum Verständnis dieser Oper verdanke ich dem grossen französischen Musikkritiker André Tuboef. Er erklärte mir, weshalb die Oper bei ihrer Uraufführung ein Misserfolg war: Die Zigeunerin Carmen und der Soldat Don José entstammten der untersten sozialen Schicht. Dies war ein Affront gegenüber dem Publikum, das konventionell als Protagonisten der Handlung noch immer Vertreter der oberen Schicht (Könige, Personen der Mythologie und der Historie) erwarteten. Bizets Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy hatten aber aus Prosper Mérimées Vorlage ein neues Werk geschaffen. Man muss sich bewusst sein, dass Ort (Spanien) und Personen (normale Menschen) nur Mittel zum Zweck waren: Anders wäre es nicht möglich gewesen, diese in ihrem Kern ungemein sozialkritische und realistische (brutale) Geschichte auf die Bühne zu bringen.

Carmen ist alles andere als der männerverschlingende Vamp, auf den sie meist reduziert wird: Carmen ist eine Revolutionärin, die gegen die ihr von der Gesellschaft zugewiesenen Rolle - als Frau wie auch als Vertreterin der Unterschicht - rebelliert. Zum einen strebt sie nach wirklicher Freiheit und erkennt schnell, dass sie diese nur ausserhalb der Gesellschaft finden kann. Zum anderen ist sie gleichzeitig auch Idealistin, sie sucht die echte, bedingungslose und totale Liebe. Für sie steht die Liebe als Prinzip über allem, und die Liebe ist auch das Einzige, was ihr ihre Existenz bieten kann. Als starke, lebenshungrige und selbstbewusste Frau stellt Carmen nicht nur den Gegenpart zu der von Micaëla verkörperten, traditionellen Frauenrolle dar. Carmen fällt völlig aus dem Rahmen der normalen Rollenklischees, denn sie nimmt Rechte und ein Benehmen für sich in Anspruch, die sonst nur Männern vorbehalten sind: sie lässt sich nicht verführen, sie entscheidet, wenn sie erobern (!) will; sie flirtet mit den Männern, wie diese es für sich als ganz selbstverständlich erachten; es ist nicht sie, die aufgefordert wird, alles aufzugeben und zu fliehen, sie bittet Don José, mitzukommen und ein neues Leben zu beginnen; Carmen wird nicht verlassen, sie ist es, die die Beziehung beendet; sie weicht nicht aus, sondern stellt sich der Konfrontation; sie lässt nicht über sich bestimmen, Carmen ist selbstbestimmt. Ihr Pendant ist mehr Mozarts Don Giovanni als irgendeine andere Frauenrolle der Opernliteratur.

Carmen hat (wie auch die Fabrikarbeiterinnen bei ihrem Auftritt singen) die Doppelmoral der Männer durchschaut. Die Habanera ist nicht einfach ein Lied über die Liebe im allgemeinen, es ist ein Lied über die Männer und an diese gerichtet! Sie wird abgewertet, als Hexe und Dämonin tituliert, dabei ist sie es paradoxerweise, die Moral beweist, nicht Don José. Carmen entscheidet sich für die Liebe, sie bleibt treu, als dann aber klar ist, dass ihre Liebe keine Zukunft hat, bricht sie mit Don José und erst dann wendet sie sich Escamillo zu. Don José hingegen lässt Micaëla links liegen; er wird nur durch das Erscheinen von Zuniga daran gehindert, zurück zu seiner Truppe zu gehen; später folgt er auch Micaëla zurück zu seiner Mutter und als ihm Carmen zum letzten (dritten!) Mal zu verstehen gibt, dass es vorbei sei (Don José liebt sie nicht, er will sie besitzen), bringt er sie um. Das Scheitern Don Josés kostet ihr das Leben, Carmen ist das Opfer einer männlich dominierten Gesellschaft und wird damit zu einer Heldin im „klassischen" Sinne.

Die Rolle der Carmen ist eine der wichtigsten im Repertoire eines Mezzosoprans. Auch mir wurde sie schon zu Beginn meiner Karriere angeboten. Stimmlich gesehen ist sie eigentlich nicht schwierig. Die besondere Herausforderung besteht darin, dass man die Persönlichkeit Carmens ausstrahlen muss, und sie verlangt nach einer sehr subtilen Darstellung sowohl in der Musik als auch im Spiel.

Vesselina Kasarova / 29. Mai 2008

(Dieser Text wurde in leicht veränderter Version im Magazin des Opernhauses Zürich abgedruckt.)