Giuseppe Verdi

Don Carlo

Don Carlo - Fünfaktige Fassung von Modena (26. Dezember 1886)

Rollenspektrum der Principessa d'Eboli

Die Eboli gilt als eine der schönsten und anspruchsvollsten Rollen Verdis für Mezzosoprane. In Schillers dramatischem Gedicht ist die Eboli „nur" eine der Nebenfiguren, Verdi macht sie in seiner Oper aber zu einer wichtigen Hauptrolle, auch wenn sie natürlich neben der Elisabetta den Platz der seconda donna einnimmt.

Die Rolle ist musikalisch gesehen sehr schwierig, denn sie verlangt zum einen eine enorme Tessitura (die Eboli braucht die Höhe eines Soprans wie auch die Tiefe eines echten Mezzosoprans), zum anderen im Ausdruck sowohl Lyrik (zweiter Akt) als auch Dramatik (dritter und vierter Akt) erfordert. Die musikalische Vielseitigkeit der Rolle ist dadurch bedingt, dass die Eboli in ihrer Musik drei Seiten ihres Charakters zu transportieren hat: die Verliebte (das lyrisch - und erotisch - gehaltene Schleierlied Canzone del velo im zweiten Teil des zweiten Aktes), die zutiefst Verletzte und Rache Schwörende (das dramatische Terzett A mezzanotte ai giardin della Regina im ersten Teil des dritten Aktes) und zuletzt die echte Reue Empfindende und Wiedergutmachung Schwörende (die Arie O don fatale im ersten Teil des vierten Aktes). Das Besondere wiederum an Ebolis dramatischer Seite ist, dass sich die Dramatik im Terzett mehr und mehr steigert, um dann in der Arie zu kulminieren.

Der Charakter der Eboli ist in Verdis Oper vielschichtiger, als er auf den ersten Blick den Anschein macht. Sie ist nicht wirklich Gegenspielerin oder Rivalin von Elisabetta, die Umstände machen sie dazu. Sie ist nicht einfach Intrigantin, ihr Schmerz über die Zurückweisung durch Don Carlo lassen sie zur Intrige greifen. Blind vor Zorn will sie sowohl Don Carlo als auch Elisabetta vernichten. Als sie aber wieder zu sich kommt und erkennt, was sie angerichtet hat, offenbart sie ihre „zwei Verbrechen" (Pietà! Perdon per la rea che si pente im ersten Teil, zweite Szene des vierten Aktes) und befreit Don Carlo im zweiten Teil des vierten Aktes (Aufstand des Volkes).

Entsprechend ist die Rolle der Eboli auch darstellerisch eine echte Herausforderung. Sie ist eigentlich die einzige Figur, die eine echte Entwicklung durchmacht und dies wie auch ihr vielschichtiger Charakter müssen auf konzentriertem Raum dargestellt werden. Die eigentliche Intrige wie auch der Betrug mit Philipp II. sind beispielsweise nicht Gegenstand der Handlung, von ihnen erzählt sie indirekt, wenn sie sich gegenüber Elisabetta offenbart. Deshalb muss dies mehr aus der Musik heraus entwickelt und kann weniger aus der Handlung heraus entwickelt werden.

Das Faszinierende an dieser Rolle ist schliesslich auch ihre grundsätzliche Disposition im Verbund mit den anderen Figuren. Eine ähnlich gewaltige Konstellation habe ich bis jetzt eigentlich nur bei Mozart, insbesondere bei La clemenza di Tito erlebt.

Die Eboli ist nicht alleinige Verursacherin der Tragödie, alle führen sie herbei - selbst Don Carlo und Elisabetta! Und wie allen anderen auch widerfährt auch ihr eine eigene persönliche Tragödie.

Während Posa und der Grosse Inquisitor für die politische Konfliktsituation stehen, stehen sie und Elisabetta für den Konflikt im Privaten. Posa ist Freund Don Carlos, Eboli Freundin, Vertraute der Elisabetta. Posa ist gezeichnet durch seine Leidenschaft für die Politik, während Eboli von Leidenschaft für die Liebe getrieben wird.

Am wichtigsten aber ist natürlich, dass es sich bei Elisabetta und Eboli nicht um Gegenspielerinnen, um Rivalinnen handelt, sondern um Gegenbilder, Antipodinnen.

Denn während Elisabetta pflichtbewusst, selbstlos, beherrscht, gefangen und passiv ist, ist Eboli genau das Gegenteil: eigensinnig, fordernd, leidenschaftlich und impulsiv, frei und aktiv (im Bösen wie im Guten).

Elisabetta ist äusserlich und innerlich gefangen, ihr Handeln ist geprägt durch Verzicht oder Schutz (als sie zu Unrecht beschuldigt wird), Eboli dagegen ist vollkommen frei, sie kämpft erst für und später gegen ihre Liebe, schliesslich fügt auch sie sich und verzichtet auf alles. Mit anderen Worten: Elisabetta fügt sich passiv ihrem Schicksal, Eboli dagegen nimmt - immer - ihr Schicksal in die eigene Hand. Und dies bedingungslos, egal was es erfordert, sei es eine Aufforderung (Brief an Don Carlo), seien es Verbrechen (Diebstahl von Elisabettas Schatulle, Lüge und Intrige), Betrug (Verhältnis mit Philipp II.), Tragen der Konsequenzen durch ihr Schuldeingeständnis gegenüber Elisabetta (Gang ins Kloster oder ins Exil) und Entfachen eines Volksaufstandes zur Rettung Don Carlos.

Elisabetta und Eboli verkörpern also zwei gegenteilige Frauentypen und dies im Extrem. Deshalb werden beide Opfer ihrer Charaktere und der Umstände.

Isoliert aus der Sicht von Eboli betrachtet, ist aber nicht nur ihr Charakter (einer der) Auslöser der Tragödie, sondern es sind auch die Umstände, die erst das Drama ermöglichen.

Wären nämlich Don Carlo und Elisabetta von Anfang an ehrlich gegenüber Philipp II. gewesen (also auch sich selbst gegenüber!), hätte die Geschichte einen ganz anderen Verlauf genommen.

Die Principessa d'Eboli ist nicht nur erste der Hofdamen Elisabettas, sie ist eine mächtige Frau am Hofe Spaniens. Sie muss also von der erst geplanten Verlobung Don Carlos mit Elisabetta aus politischen Gründen (!) wissen, sie kann aber nicht davon gewusst haben, dass sich beide dann wirklich ineinander verlieben.

Die Geschichte spielt zudem in einer Zeit, in der die Heirat in der Aristokratie standesgemäss und deshalb selten aus Liebe erfolgt, ja mit ihr sogar Machtpolitik betrieben wird. Da Don Carlo wieder „frei" ist, ist Eboli - „die schönstee und erste der Edeldamen Elisabettas" - die legitime Braut für ihn. Eine Heirat von Don Carlo und Eboli wäre die folgerichtige Verbindung für beide von ihnen!

Und Eboli liebt bereits! Wenn sie glaubt, auch Don Carlo empfinde für sie, besteht ihr Fehler darin, dass sie die Zeichen falsch deutet.

Die Tragödie kann später eigentlich auch nur ihren „vollen" Lauf nehmen, weil Elisabetta Eboli bittet, ihre Kleider zu tragen (damit sie sich kurz von den Hofdamen) entfernen kann. Nur deshalb erfährt Eboli, dass Don Carlo Elisabetta liebt. Ohne die Kleider Elisabettas hätte Don Carlo Eboli nur abzuweisen brauchen.

Ebolis Gefühlswelt ist echt und ehrlich, sie lebt sie voll aus. Sie äussert ihre Gefühle gegen aussen, seien es Liebe, Zorn und Rache oder Schmerz und Trauer.

Ist sie letztlich nicht humaner als alle anderen Figuren?

Vesselina Kasarova / März 2012