Gaetano Donizetti

La Favorite

Rollenspektrum der "Léonor de Guzman"

Auffallend für mich ist der Stil, den Donizetti für La Favorite gewählt hat. Selbstverständlich weist auch diese Oper ganz in der Art des Belcanto einen unglaublichen Reichtum an wunderschönen Melodien auf. Anders aber als etwa in Lucia di Lammermoor oder Anna Bolena ist seine Musik hier schlichter, natürlicher und direkter. Diese musikalische Reduktion steht dabei in vollkommenem Einklang mit einem Drama, das durch einfache, prägnante Konstellationen und sich daraus ergebende Konflikte gekennzeichnet ist und sich ausgesprochen kompakt unentwegt zur Tragödie zuspitzt. Zum anderen handelt es sich um eine eigentliche Ensembleoper, denn die musikalische Umsetzung macht das Ensemble zum dominierenden Hauptakteur und spricht damit den einzelnen Rollen in ihren Solo-Szenen nur wenig Raum zu. Entsprechend wird auch Léonors grosse Arie im dritten Akt ("O mon Fernand") knapp, das heisst, reduziert auf das Wesentliche gehalten: auf einen schlichten, gefühlsvollen ersten und einen entschlossenen, kämpferischen zweiten Teil. In Bezug auf Léonor wiederum könnte man auf den ersten Blick meinen, dass es sich bei ihr lediglich um eine der typischen Frauenrollen des Belacantos handelt: jener des unschuldigen, vom Schicksal verfolgten Opfers. Natürlich bestimmt dieser Aspekt ihren Charakter, interessanterweise weicht aber ihr selbstbestimmtes und selbstloses Verhalten im Verlauf der Tragödie davon ab und weist sie verglichen mit den anderen Partien eher als eigentliche - klassische - Heldin der Oper aus. Sie selbst stammt aus dem Adel und handelt stets nach dessen Idealen: zur Geliebten des Königs ist sie nur geworden, weil dieser ihr die Heirat versprochen hatte; als sie in der Begegnung mit Fernand echte Liebe erfährt, verzichtet sie auf ihr persönliches Glück und weist ihn zurück, da ihre Vergangenheit eine solche Verbindung verbietet; nachdem sich der König endlich - wenn auch zu spät - zu ihr bekennen will, steht sie zu ihren Gefühlen und eröffnet ihm sogar, einen anderen zu lieben und als es dann scheint, dass ihre Beziehung zu Fernand doch offiziell ermöglicht werden könnte, ist sie bereit, Fernand auch ihre frühere Rolle am Hof zu offenbaren (was aber das Schicksal verhindert); Fernand hatte ihr bedingungslose Liebe geschworen, dennoch nimmt sie am Schluss die ganze Schuld auf sich und ruht (!) nicht, bevor sie ihm alles erklären und ihn um Vergebung bitten konnte. Sie wird gewissermassen genau zu dem Engel, als welchen sie Fernand schon zu Beginn bezeichnet hatte.

22. Februar 2006 / Vesselina Kasarova

Dieser Artikel erschien im Magazin Nr. 8 Spielzeit 2005/2006 des Opernhauses Zürich.