Jules Massenet

Werther

Jules Massenets Vertonung von Goethes Werther ist ein deutliches Beispiele dafür, wie entscheidend es ist, dass immer das Werk des Komponisten im Vordergrund zu stehen hat: Was hat er vertont, und Wie hat er es musikalisch umgesetzt.

Meist weist schon das Libretto Änderungen gegenüber der Vorlage auf, diese können minimal, aber auch gewichtig sein.

Das Prinzipielle aber ist, dass immer etwas Neues entsteht, wenn Oper, Konzert oder Lied von einer Vorlage ausgehen. Und dieses Neue äussert sich - darin liegt ja auch der Sinn, es musikalisch zu gestalten - primär in der Musik. Die grundlegende Analyse muss daher auf der Partitur basieren. Ist das Gewicht verschoben, kann es sogar zu gefährlichen Fehlinterpretationen kommen.

Das dem Lied zugrundeliegende Gedicht eines Autors beispielsweise hat als solches einen eigenständigen Wert. In der musikalischen Transposition zum Lied aber wird es zu einer Aussage des Komponisten. Indem dieser es musikalisch umsetzt, fliessen dessen Empfindungen und Interpretationen mit ein. Der Schlüssel zum Verständnis liegt damit nicht mehr im ursprünglichen Text allein, sondern - vor allem - im Klavierauszug.

Genauso verhält es sich mit den Libretti von Opern. Unabhängig davon, welchen Einfluss der Komponist auf das Libretto nahm oder nehmen konnte, in seinem Werk ist die Musik das Mittel der Kommunikation. Was musikalisch vermittelt wird, und wie etwas musikalisch gezeichnet wird, dies teilt uns der Komponist in seiner Partitur mit.

Wie erwähnt ist Massenets Werther ein deutliches Beispiel hierfür. Wobei bei Massenet die Charakterisierung der Figuren und die Zeichnung ihrer Konstellationen und damit der Fortlauf der Handlung derart stark von Goethes Romanvorlage abweichen, dass man eigentlich von einem anderen Stück sprechen müsste.

Werthers Liebe ist unbedingt, bei Goethe wie bei Werther. Sie ist damit aber auch aggressiv, da sie sich über alles stellt. Bei Massenet kommt hinzu, dass Werthers Selbstmord sich auch gegen Charlotte richtet. Damit kommt ein Element hinzu, dass Goethe so direkt nicht anspricht, die männliche Aggression gegen die Frau. Carmen trifft eine Entscheidung, eine Entscheidung gegen Don José, und wird von ihm ermordet. Charlotte kann keine Entscheidung treffen, und Werther weist ihr mit seinem Selbstmord eine Schuld zu, für die sie nichts kann. In beiden Fällen richtet sich Gewalt gegen die Frau.

Während Massenets Werther erst im Nachhinein von der Bindung Charlottes erfährt, ist es bei Goethe genau umgekehrt:

(Reclam, Seite 21, Zeilen 22 - Ende; Seite 22, Zeile 1 - 3)

Ich bot einem hiesigen guten, schönen, übrigens unbedeutenden Mädchen die Hand, und es wurde ausgemacht, dass ich eine Kutsche nehmen, mit meiner Tänzerin und ihrer Base nach dem Orte der Lustbarkeit hinausfahren, und auf dem Wege Charlotten S.. mitnehmen sollte. - Sie werden ein schönes Frauenzimmer kennen lernen, sagte meine Gesellschafterin, da wir durch den weiten ausgehauenen Wald nach dem Jagdhause fuhren. - Nehmen Sie sich in acht, versetzte die Base, dass Sie sich nicht verlieben! - Wieso? sagte ich. - Sie ist schon vergeben, antwortete jene, an einen sehr braven Mann, der weggereist ist, seine Sachen in Ordnung zu bringen, weil sein Vater gestorben ist, und sich um eine ansehnliche Versorgung zu bewerben. - Die Nachricht war mir ziemlich gleichgültig.


Massenets Charlotte spricht nie gegenüber Albert direkt von Liebe. Bei Goethe ist diese Beziehung eine fundamental andere:

(Seite 44, Zeile 3 - 7)

Und doch - wenn sie von ihrem Bräutigam spricht, mit solcher Wärme, solcher Liebe von ihm spricht - da ist mir's wie einem, der aller seiner Ehren und Würden entsetzt und dem der Degen genommen wird.

Bei Goethe geht die Trennung von Werther aus, während bei Massenet Charlotte diesen Vorschlag macht.

(Seite 124, Zeile 11 - 21)

Nein, Lotte, rief er aus: ich werde Sie nicht wieder sehen! - Warum das? versetzte sie, Werther, Sie können, Sie müssen uns wieder sehen, nur mässigen Sie sich. O, warum mussten Sie mit dieser Heftigkeit, dieser unbezwinglich haftenden Leidenschaft für alles, was sie einmal anfassen, geboren werden! Ich bitte Sie, fuhr sie fort, indem sie ihn bei der Hand nahm, mässigen Sie sich! Ihr Geist, Ihre Wissenschaften, Ihre Talente, was bieten die Ihnen für mannigfaltige Ergötzungen dar? Sei'n Sie ein Mann! wenden Sie diese traurige Anhänglichkeit von einem Geschöpf, das nichts tun kann, als Sie bedauern. -


Bei Goethe erkennt Charlotte einen wichtigen Aspekt der unglücklichen Liebe von Werther:

(Seite 124, Zeile 26 - 28)

Ich fürchte, ich fürchte, es ist nur die Unmöglichkeit, mich zu besitzen, die Ihnen diesen Wunsch so reizend macht.

Charlotte macht sowohl bei Goethe als auch bei Massent Werther ein realistisches Angebot, wie die Beziehung aufrecht erhalten werden könnte:

(Seite 125, Zeile 7 - 9)

Suchen Sie, finden Sie einen werten Gegenstand Ihrer Liebe, und kehren Sie zurück und lassen Sie uns zusammen die Seligkeit einer wahren Freundschaft geniessen.

Der Aspekt, mit dem Tod Albert und Charlotte zu helfen, fehlt bei Massenet.

(Seite 147, Zeile 21 - 26)

„Ich habe dir übel gelohnt, Albert, und du vergibst mir. Ich habe den Frieden deines Hauses gestört, ich habe Misstrauen zwischen euch gebracht. Lebe wohl! ich will es enden. O dass ihr glücklich wäret durch meinen Tod! Albert! Albert! mache den Engel glücklich! Und so wohne Gottes Segen über dir!"

Vesselina Kasarova / 1996