© Swissair Gazette, 7/94, Seite 42 - 45, Gerhard Persché

Sanfte Scheue mit Stimme

Vesselina Kasarova, Mezzosopranistin aus Bulgarien, ist eine der grossen Entdeckungen in der Opernwelt der letzten Jahre. Die Swissair Gazette hat sich mit der jungen Sängerin und Liebling des Zürcher Opernhauspublikums unterhalten.

Das Mysterium der bulgarischen Stimme: Ist es bloss die trade mark eines Gesangsensembles? Oder nicht doch ein Phänomen, das zurückreicht bis in die Mythologie?

Orpheus, der Bäume und Steine mit seinem Gesang erweichen konnte, war Thraker; und Bulgarien darf sich geographisch, zumindest partiell, als Erbe Thrakiens fühlen. Auf jeden Fall scheint dort ein besonders fruchtbarer Boden für Sängerinnen und Sänger zu sein, denn kein anderes Land des Balkans, mit Ausnahme Rumäniens vielleicht, hat so viele davon hervorgebracht: Boris Christoff, Ljuba Welitsch (eigentlich Welitschkova), Nicolai Ghiaurov, Ghena Dimitrova, Raina Kabaivanska, Anna Tomova-Sintov, um nur einige grosse Namen zu nennen. Vesselina Kasarova, zurzeit in Zürich engagiert, ist auf dem besten Weg, diese grosse Tradition fortzusetzen.

Ein herrischer Wink der Dame, und der Bedienstete entfernt sich mit dem tödlichen Geschenk, das sie der Rivalin zugedacht hat: mit einem vergifteten Veilchenstrauss. Welch bitterböse Opernfigur, diese Pincipessa di Bouillon aus Cileas «Adriana Lecouvreur», aggressiv, unkontrolliert und wild in ihrem Gefühl. Bedarf sie einer Interpretin mit ebensolchem Charakter? Muss man einen Pakt mit dem Teufel schliessen, um den Mephisto spielen zu können?

«Nein», nickt Vesselina Kasarova am Morgen nach der Premiere in einem Café hinter der Oper. Nickt? Ach so - in Bulgarien verneint man auf diese Weise und schüttelt bejahend den Kopf. «Nein, nein!» lacht sie. Kunst der Verwandlung, ein wahres Jekill-and-Hyde-Phänomen: Das kalte Feuer aggressiver Leidenschaft der Principessa am Vorabend hat einer etwas scheuen Herzlichkeit Platz gemacht, die strahlende, agile Höhe, die füllige Tiefe und das sinnliche Timbre ihrer Singstimme einer sanft mädchenhaften Sprechweise. Vesselina Kasarova ist alles andere als eine Diva. Keine Schminke, keine falschen Wimpern. Die Federboa bleibt im Schrank.

«Wer im Leben ständig posiert, tut es auch auf der Bühne», sagt sie. «Posen verhindern die ehrliche Gestaltung, man spielt sich selbst. Das will ich nicht.» Sofort wird klar: Sie ist keine jener Selbstdarstellerinnen, die sich vor dem Publikum mental quasi prostituieren. Aber auch ohne den Leuten die intimsten Gefühle aufzudrängen, bringt man in die Gestaltung einer Bühnenfigur nolens volens viel Privates ein. Selbst bei einer Giftmörderin ...

Vesselina Kasarova lächelt: «Jeder Mensch hat auch eine Mörderseele in sich, sagt man doch.» Den Pakt mit dem Teufel hätte man unbewusst schon geschlossen, bevor man den Mephisto spielt. «Natürlich kann ich so eine Figur nur mit meinen eigenen Gefühlen ausstatten. Deshalb ist die Principessa für mich nicht bloss eine der typischen Opernhexen: Sie ist eine leidenschaftlich Liebende, die erst so mörderisch reagiert, als der Geliebte sie wegen einer anderen Frau zurückstösst.»

Die Bouillon, dieses schwarze Gebräu aus Leidenschaft, Rachsucht und Gift: Mich hat überrascht, dass jemand, der in Kollegenkreisen als so ausgesprochen harmoniesüchtig gilt, dies so überzeugend verkörpern kann.

«Streit auf Proben macht mich unglücklich. Ich brauche eine harmonische Atmosphäre, um mich voll entfalten zu können.»

Vom Eindruck her, den sie privat macht, müsste die Kasarova eigentlich stets die Lieben, die Sanften spielen. Aber der Teufel hat meist nicht nur die bessere Musik, sondern auch die interessanteren Charaktere, und gerade die faszinieren die Sängerin. Sie aber in allen Facetten zu formen, braucht Zeit und Mühe. Also viele Proben. Vesselina Kasarova ist ein «Rehearsaholic», sie probiert ausgesprochen gerne.

«Ich liebe die Arbeit mit Regisseuren, die mir die Zeit geben, mich zu entwickeln, und gleichzeitig gestatten, dass ich meine persönlichen Farben einbringe. Wie etwa Ursel und Karl-Ernst Herrmann, mit denen ich in Salzburg arbeiten durfte, bei der Festspielproduktion von Mozarts ‹Titus›.»

Ob sie sich vorstellen könne, auch einmal mit einem Bob Woilson oder einer Ruth Berghaus, extremen Repräsentanten des sogenannten «Regietheaters», zu arbeiten? Sie überlegt lange. «Ich habe die Berghaus-Inszenierung von ‹Otello› in Zürich gesehen. Sehr, sehr interessant. Aber auch ein für die Darsteller sehr striktes, überindividuelles, starres Konzept, irgendwie ein Korsett.»

Man müsste sehen, sagt sie diplomatisch. Ich habe das Gefühl, dass ihr die Herrmanns lieber sind.

Beim Schlussapplaus am Premierenabend von «Adriana Lecouvreur» war der Regisseur nicht vor dem Vorhang erschienen. Er hatte sich, dem Vernehmen nach, geärgert, weil einige Darsteller sich nicht an die Probenvereinbarungen gehalten, sondern ihre eigene Show abgezogen hatten. Ein nicht ungewöhnlicher Vorgang im Opernbetrieb, wenn auch wenig professionell: Manche Stars reisen erst wenige Tage vor einer Premiere an und können sich naturgemäss nicht in eine wochenlang erarbeitete Inszenierung integrieren. Ist dies denn nicht auch unkollegial den anderen Sängern gegenüber?

«Ich kann nur für mich sprechen» - zu Vesselina Kasarovas Wesen gehört, dass sie negative Aussagen über andere Sänger verweigert. «Auf die Bühne gehen, vor allem Töne abliefern und darstellerisch auf Dinge zurückgreifen, die ich mir schon anderswo zurechtgelegt habe, das liegt mir nicht. Für mich ist das Spiel genauso wichtig wie das Singen. Die Rollengestaltung beeinflusst den Gesang; da probiere ich immer etwas aus. So bekommt jede Partie andere Farben, auch vom Timbre her; die Rosina im ‹Barbier von Sevilla› etwa klingt ganz anders als die Bouillon.»

Rosina spielte übrigens eine Schlüsselrolle in der sängerischen Entwicklung von Vesselina Kasarova. Noch vor ihrer Abschlussprüfung an der Akademie holte die Sofioter Oper sie für diese Partie, mit ihr debütierte sie u.a. auch an der Wiener Staatsoper, am Covent Garden, London, in Florenz und Genf. Doch damit etikettiert zu werden, mit einer zentralen Partie Karriere zu machen wie einige ihrer Kollegen, möchte sie nicht. «Das wäre so, als würde man immer wieder das gleiche Buch lesen. Nach einiger Zeit kennt man wahrscheinlich alle Nuancen, nichts mehr ist neu.»

Aber eine Traumpartie hat sie doch? Sie lacht: «Die Tosca; die werde ich wahrscheinlich nie singen - ich bin ja kein Sopran, sondern ein echter Mezzo.» Nahziele in ihrem Fach seien der Octavian, die Charlotte in Massenets «Werther»; später wohl die Azucena im «Troubadour» oder die Amneris. Auch die Santuzza in «Cavalleria rusticana». Und die Carmen? «Singen könnte ich sie wahrscheinlich schon jetzt. Aber ich muss die Rolle fühlen, im Kopf und im Körper, was ich noch nicht tue. Eine Wunschpartie für die nahe Zukunft hätte ich jedoch beinahe vergessen: Glucks Orpheus!»

Natürlich - den Thraker. Mit Ausgrabungen thrakischer Kult- und Wohnstätten unterstreicht das heutige Bulgarien seine in mythische Vorzeiten reichende Geschichte. Ob diese auch eine Erklärung für den Reichtum des Landes an potenten Stimmen bietet? Könnte es damit zu tun haben, dass die Musik während der langen Türkenherrschaft für eine innere Emigration sorgte? Eine «Résistance» gegen die Eroberer, wobei die Folklore, das brauchtümliche Lied der Ahnen, zum nationalen Kult erhoben wurde?

Vesselina Kasarova schüttelt, in Gedanken, zunächst ihren Kopf, besinnt sich und wechselt zum eifrigen mitteleuropäischen Nicken: «Ja, natürlich. Wir haben eine ganz eigene, einzigartige Volksmusik. Ich liebe sie sehr.»

In der Tat sind der bulgarischen Volksmusik so ziemlich alle Topoi der abendländischen Musik fremd: Harmonik. Chromatik, Formgestaltung, Dur-Tonart. Typisch sind asymmetrische Taktarten, aus deren Wechselspannung sich auch die Melodie ergibt: Musik von hohem Reiz, wuchtig und energiegeladen. Gespielt von Gaida (Dudelsack), Kawal (einer Längsflöte ohne Mundstück), Gadulka oder Gussla (einer zweisaitigen Fiedel) und Trommeln, vor allem aber gesungen. Das Geheimnis der bulgarischen Stimmen: Es kommt auch aus der altertümlichen, auf Tetra- und Pentachorden beruhenden Klang-Aura dieser Musik. Dies ist der Urgrund bulgarischer Musikalität. «Unsere soziale Kommunikation fand immer auch über die Folklore statt; sie war so etwas wie unser nationales Evangelium.»

Schon im zarten Alter von vier Jahren hatte Vesselina Kasarova ihren ersten öffentlichen Auftritt. Wollte sie schon immer Sängerin werden?

«Nein, ich habe zwölf Jahre lang Klavier studiert. In diesem Zusammenhang musste ich auch Sänger begleiten, und man sagte mir: ‹Vessi, du hast Stimme, versuch's doch mal.› Meine Eltern waren anfangs gar nicht so glücklich darüber, nach all den Jahren Klavierstudium. Aber alles ging gut. Auch mit meinen Engagements: schon während des Studiums an die Oper von Sofia, dann - noch vor der Wiener Staatsoper - Zürich, wo ich vieles ausprobieren und mir ein Repertoire erarbeiten konnte. Und wo ich, das Wichtigste, meinen Mann Roger kennengelernt habe.» Er begleitet sie so oft wie möglich. Denn nichts ist schlimmer, als nach einer Vorstellung in ein leeres Hotelzimmer zurückkehren zu müssen, einen Erfolg nicht teilen zu können. Vesselina Kasarova hat beides. «Ich bin ein glücklicher Mensch!» Vesselina heisst auf Bulgarisch ja «Die Glückliche» ...

Vesselina Kasarova wurde im bulgarischen Stara Zagora geboren. Sie studierte bei Ressa Koleva in Sofia. 1989 wurde sie nach Zürich verpflichtet, wo sie zum Publikumsliebling avancierte. Zwei Jahre später ging sie an die Wiener Staatsoper. Inzwischen hat sie an den meisten grossen Opernhäusern Europas gesungen.

Gerhard Persché ist Musikkritiker, Mitarbeiter internationaler Opernzeitschriften. Er lebt in Zürich.


© Tele Radio, 45/94, 14. - 20. November 1994, Seite 24, Verena Kastu

Die Glückliche

Die Rosina im «Barbiere» zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Karriere: 1991 Debüt in Wien, dann Grosserfolge in Genf, London und Florenz. Diese Saison ist Vesselina Kasarova in ihrer Glanzpartie in Zürich und Wien zu bewundern, und 1997 will sie mit «Una voce poco fa» die «Met» erobern.

Auf Rossini festlegen lässt sich Vesselina Kasarova jedoch nicht. Auch wenn sie die Isabella in «L'Italiana in Algeri» in Wien, Zürich, Amsterdam und Florenz singt, auch wenn ihr «Tancredi», Sensation der Salzburger Festspiele 1992, bald eingespielt wird und sich in ihrem Repertoire noch weitere Rossini-Partien finden. Sie selbst bezeichnet ihre Stimme als eher hell, nicht gerade als typischen Mezzosopran. Neben Koloraturpartien kann sie sowohl lyrische wie auch dramatische Rollen singen.

Innert fünf Wochen im vergangenen Jahr hat Vesselina Kasarova dem Zürcher Publikum ihre Vielseitigkeit mit zwei Rollendebüts bewiesen. Einerseits mit ihrer leidenschaftlich liebenden Principessa di Bouillon, die ihrer Rivalin Adriana Lecouvreur einen vergifteten Veilchenstrauss schickt. Da war die Kasarova auf dem Weg zur grossen Tragödin, allerdings mit gazellenartiger Geschmeidigkeit und differenziertester psychologischer und stimmlicher Darstellung. Andererseits in Offenbachs «Belle Hélène», wo sie mit Witz und Eleganz nicht nur Griechenlands Männerwelt betörte.

Zürich war auch der Ausgangspunkt von Kasarovas steiler Karriere. 1989 hörte sie der damalige Opernhausdirektor Christoph Groszer in einem Konzert in Sofia und engagierte sie sofort. Im gleichen Jahr gewann die junge Bulgarin beim Gesangswettbewerb «Neue Stimmen» in Gütersloh den ersten Preis. Trotzdem war der Anfang nicht leicht, da die Mezzosopranistin ausgesprochen schüchtern war und damals kaum ein Wort Deutsch sprach. Auch war ihr die westliche Welt sehr fremd.

Die in Stara Zagora (Bulgarien) geborene Künstlerin liess sich zwölf Jahre als Pianistin ausbilden, bevor sie zum Gesang wechselte. Immer noch besucht sie ihre Lehrerin Ressa Koleva so oft wie möglich, da sich bei den vielen neuen Rollen stimmliche Probleme ergeben könnten. In nächster Zukunft sind für Zürich Adalgisa («Norma») und Charlotte («Werther») geplant sowie die zwei Donizetti-Partien Elisabeth («Maria Stuarda») in Wien und Giovanna Seymour («Anna Bolena») in München.

Grosse Dirigenten haben in Vesselina Kasarova eine ideale Mozart-Interpretin gefunden. Ihr Debüt an den Salzburger Festspielen erfolgte 1991 als Annio unter Sir Colin Davis, Cherubino sang sie an der Wiener Staatsoper mit Peter Schneider, und ihre Dorabella unter der Stabführung von Riccardo Muti im Theater an der Wien entzückte Publikum und Presse gleichermassen. «Zwischentöne und Nuancen sind die Domäne von Vesselina Kasarova, deren subtile Phrasierungs- und Modelierungskunst im Verein mit ihrer intensiven darstellerischen Präsenz und ihrem exquisiten Timbre ein Dorabella-Porträt ohne jede Leerstelle erstehen lässt» (NZZ).

An den nächsten Salzburger Festspielen wird sie Daniel Barenboims Zerlina sein und am Maggio Musicale Fiorentino unter Semyon Bychkov erstmals den Idamante singen. Ein rein französisches Programm (Berlioz, Ravel und Chausson) hat die Bulgarin kürzlich für BMG in Wien eingespielt; weitere Schallplattenpläne umfassen ihre Mitwirkung in Mahlers achter Sinfonie, bei Liedern und Duetten mit Edita Gruberova sowie die Gesamteinspielungen von «Roméo et Juliette» und «Oberon».

Viel Erfolg in kurzer Zeit? Ja, schon - aber hart erarbeitet. Sie sei eben ein ausgeprochenes Glückskind, ihr Name Vesselina bedeute auf bulgarisch schliesslich «Die Glückliche».