© Musik & Theater, Special-Edition „Snow & Symphony" St. Moritz, März/April 1999, Seite 10 - 12, Andrea Meuli

Balance von Seele und Stimme

Die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova eröffnet "Snow and Symphony" auch 1999

Vesselina Kasarova verhalf dem St. Moritzer Klassik-Festival "Snow and Symphony" im Vorjahr mit einem fulminanten Auftritt zu einem Bilderbuchstart. Als glückliche Mutter kehrt sie zur diesjährigen Eröffnung zurück. Unter anderem - neben Werken von Berlioz und Rossini - erstmals mit Ausschnitten aus Bizets "Carmen"

M&T: St. Moritz bescherten Sie im Vorjahr einen traumhaften Festivalstart. Nun kehren Sie zurück. Daraus schliesse ich, es hat Ihnen gefallen ...

Ja, natürlich. Ich singe in der Schweiz überhaupt sehr gerne, weil das Publikum - wie teils auch in Deutschland - die Musik wirklich liebt. Die Italiener sind da, vor allem, was das Repertoire betrifft, eher begrenzt. In einem positiven Sinne erlebe ich hier ein eher intelektuelles Publikum. Und in St. Moritz habe ich mich deshalb besonders gefreut, weil es ein neues Festival und damit für mich auch eine ganz neue Erfahrung war. Ausserdem hat es mir gut gefallen, mit Gustav Kuhn zu arbeiten. Er ist ein Mann, der Sänger wirklich liebt und spürbar gerne mit Ihnen arbeitet. Was heutzutage alles andere als selbstverständlich ist. Es gibt wenige Dirigenten, welche die Sänger schätzen und Respekt davor haben, dass auch Singen eine schwere Kunst ist ... Das ist wichtig für mich. Ich liebe absolut keine Diktatoren auf der Bühne, die zu demonstrieren versuchen, dass sie der Stärkere auf der Bühne sind.

M&T: Vesselina Kasarova, vor einem Jahr wehrten Sie sich dagegen, nach der "Carmen" gefragt zu werden, nun singen Sie sie ...

Ja, das stimmt. Aber nur konzertant. Auf der Bühne zögere ich noch, ich möchte die Geschichte szenisch so erzählen, wie ich die Figur fühle. Carmen verkörperte doch damals einen neuen, emanzipiert-selbständigen Typ Frau. Mit dem Klischee von Carmen als plakativ ordinärer Frau habe ich meine Schwierigkeit. Leider jedoch sieht man Carmen heute meist so dargestellt. Sollten hingegen Karl-Ernst und Ursel Herrmann mit ihrer szenischen Subtilität einmal eine Carmen suchen, würde ich das sofort annehmen. Was die Stimme betrifft, so ist alles gefährlich, was man singt. Entscheidend ist, mit wem man etwas singt, mit welchem Dirigenten, mit welchem Orchester. Mozart kann genauso gefährlich sein wie "Carmen". Ich habe das erlebt. Heutzutage sind die Orchester insgesamt zu laut und zu hoch gestimmt. Ob Mozart oder Verdi - ganz egal.

M&T: Hier in St. Moritz singen Sie diesmal hauptsächlich französisches Repertoire ...

... ich mag Berlioz und seine "Nuits d'été" auch sehr gerne. Und meine Lieblingspartie bleibt nach wie vor die Charlotte aus Massenets "Werther", die ich jetzt aufgenommen und auch mit Alfredo Kraus in Berlin gesungen habe. Das ist ein wunderbarer Mann; unsere junge Generation kann sehr viel von der Bescheidenheit, von der Menschlichkeit solcher Persönlichkeiten lernen. Zu viele der jungen Generation verändern sich schnell - und nicht zum Guten. Wahrscheinlich ist das ein Grund, weshalb Leute wie Alfredo Kraus so lange so wunderbare Sänger geblieben sind - kritisch mit sich selber und respektvoll anderen Menschen gegenüber.

M&T: Vesselina Kasarova, sie wurden 1989 noch während ihrer Ausbildung an das Zürcher Opernhaus engagiert. Ein märchenhafter Karrierestart ...

... ja, und dennoch war ich damals tief deprimiert und habe gedacht: Das schaffst du nie und nimmer. Sie dürfen nicht vergessen, ich verstand kein Wort Deutsch. So werde ich diese erste, schwierige Zeit fern meiner bulgarischen Heimat nie vergessen. Gleichzeitig bot mir Zürich damals die grosse Chance, eine Karriere mit kleinen Partien aufzubauen.

M&T: Dann beschleunigte sich alles - und der Aufstieg zum international begehrten Mezzo Star kam beinahe über Nacht. Jetzt stehen Sie gut acht Jahre ganz oben auf der Erfolgsleiter. Ist Ihre Angst auf der Bühne grösser oder kleiner geworden?

Von Angst will ich nicht sprechen, aber mehr Respekt habe ich gewonnen. Ich bin mir heute bewusster, was ich mache und wie ich es mache. Ich bin auch kritischer mit mir selbst geworden, ohne deswegen bis heute darunter zu leiden oder gar hysterisch zu werden ...

M&T: Macht das den einzelnen Auftritt schwieriger oder leichter: Sind der internationale Ruf und die damit verbundenen Ansprüche eher Belastung oder Rückendeckung?

Ich meine, man sollte sehr behutsam damit umgehen und darauf achten, nicht krankhaft mehr und noch mehr zu machen. Es ist auch wichtig, mit dem Erreichten zufrieden zu sein, sich auf das eigene Können zu verlassen - und damit locker zu bleiben. Ständige Zweifel machen unsicher und schaden damit auch der Stimme.

M&T: Ist das Leben mit dem Sängerberuf schwieriger geworden?

Schwieriger ist es nicht geworden, aber ich denke heute anders als früher. Ich bin eine stärkere Persönlichkeit geworden - und die muss man haben in diesem Beruf. Man muss unverwechselbar sein, auch in der Art, wie man singt. So bin ich glücklich, wenn ich etwas Neues, eine neue Farbe in meiner Stimme entdecke - das sind meine Ziele.

M&T: Was bedeutet Ihnen der körperliche Ausdruck für Ihr Singen?

Der körperliche Ausdruck ist Teil meines Singens. Ich liebe daher die Arbeit mit neuen Regisseuren, damit ich mich auch schauspielerisch entwickle. Singen ist meine körperliche Sprache: Wie ich meine Hand bewege, hat auch mit meiner Seele zu tun, ob ich mich traurig, melancholisch oder fröhlich fühle. Das beeinflusst auch die Tonfarbe. Körper und Stimme ganz nahe zueinander zu bringen, daran arbeite ich intensiv.

M&T: Ist das nicht eine elementarische Voraussetzung für den sängerischen Erfolg?

Nein, ich war früher nicht erwachsen genug. Für junge Sängerinnen und Sänger ist es unwichtig, ob ihre Stimme dreissig Dezibel an Volumen hinzugewinnt oder nicht. Vielmehr müssen wir eine Balance von Seele, Emotion und Stimme finden. Das ist die Wahrheit.

M&T: Wo fühlen Sie sich wohler, auf der Bühne oder in einem Konzert? Wo ist die Herausforderung grösser?

Ein Konzert ist viel schwieriger zu singen ...

M&T: Wirklich ...?

Ja, weil man bloss einen Meter vor der ersten Zuschauerreihe steht. Und das ohne Maske. Da kann man sich nicht verstecken, diese Situation ohne Kostüme und Lichtregie hat viel mehr Intimität.

M&T: Fürchten Sie denn Ihr Publikum, wenn es direkt vor Ihnen sitzt?

Das nicht, aber in einem Konzert spüre ich eher die Verantwortung, die auf mir lastet. Man kann sich kaum entspannen. Auf der Bühne ist es einfacher, natürlich zu bleiben und damit der Wahrheit nahezukommen. Ich versuche nie, auf der Bühne schön zu wirken, sondern stets die Wahrheit einer Figur auszudrücken. Das ist Teil meines Lebens.

M&T: Vesselina Kasarova, Sie haben sich bewusst vom slawischen Repertoire abgegrenzt.
Weshalb?

Sprachlich und emotional mögen mir Rollen dieses Repertoires wohl naheliegen, aber ich habe auch als Pianistin Bach und Mozart gespielt - und nicht bloss Rachmaninov. Gegen das Image einer slawischen Sängerin habe ich mich bewusst gewehrt. Ich wollte unbedingt eine Mozart Sängerin werden!

M&T: War das schwierig?

Am Anfang spürte ich, dass es schwierig ist. So konnte ich zwar schlechte Erfahrungen vermeiden; an Angeboten jedoch, die mich hätten verleiten können, fehlte es nicht: Eine Jeanne d'Arc von Tschaikowsky ist auch für die grösste Stimme mit 24 Jahren nichts!


© Das Magazin (Tages-Anzeiger), Nr. 13, 3. - 9.4.1999, Seite 7, Richard Reich

April-Gespräche mit Vesselina Kasarova (I)

Magenprobleme

Die gefeierte Sängerin Vesselina Kasarova über Schnittpunkte von Spitzensport und Oper, über ihr Leben zwischen leichter Kost und schweren Rollen.

Frau Kasarova, Sie haben mit erst 33 Jahren schon eine Bilderbuchkarriere hinter sich, Ihre Stimme ist bei den berühmtesten Dirigenten und an allen grossen Opernhäusern gefragt. Trotzdem wirken Sie wie der unbekümmerte, lebenslustige Gegenbeweis zum Klischee der entrückten Diva. Zum Beispiel treiben Sie gern Sport, sind früher offenbar sogar Rallys gefahren ...

Ja, ein paar, und ich war Basketballerin in meiner Heimatstadt Stara Zagora. Meine Begabung bestand vor allem darin, dass ich schon mit 14 Jahren riesig gross war, 1 Meter 72. Seither bin ich allerdings keinen Zentimeter mehr gewachsen.

Sie waren damals aber auch heranwachsende Konzertpianistin. Hatten Sie keine Angst um Ihre Hände?

Überhaupt nicht. Heute mache ich mir viel mehr Sorgen. Es ist komisch: Ich bin inzwischen als Sängerin technisch viel besser, trotzdem ging früher alles leichter. Noch vor fünf, sechs Jahren habe ich kaum darüber nachgedacht, ob ich wohl etwas schaffen konnte oder nicht.

Das ist wie bei jungen Sportlern, die anfangs sorglos alles gewinnen - und dann ist mit dem Erfolg auch der Erwartungsdruck da - und die Leichtigkei weg.

Deshalb versuche ich, nicht zu viel nachzudenken, nur so ein bisschen ... (Sie lacht). Das Problem besteht darin, sich ständig zu verbessern und dabei nicht das, was man kann, durch zu viel Dranherumdenken kaputt zu machen.

Man vergleicht Opernsänger oft mit Spitzensportlern. Wie verläuft die «Wettkampfvorbereitung» am Premierentag?

Bei mir ist das nicht so streng geplant. Ich höre allerdings von Kolleginnen, dass man, je älter man wird, auch immer mehr Dinge unter Kontrolle zu halten versucht, schon am Tag vor der Premiere und erst recht am Aufführungstag. Für mich ist die Zeit unmittelbar vor der Vorstellung wichtig: dass ich absolut konzentriert auf die Bühne komme. Es ist jedes Mal wie ein Hundertmeterfinal: Du musst zur Stunde X voll da sein, sollst auf immer gleich hohem Niveau funktionieren, obwohl wie im Stadion auch in der Oper die Rahmenbedingungen nie die gleichen sind. Vielleicht gibt der Dirigent heute andere Tempi vor, oder die Kollegen machen irgendetwas anders. Trotzdem kannst du, wenn es dir mal nicht optimal läuft, halt nicht einfach sagen: Stopp! Fangen wir nochmals an, ich kann das besser! ...

Manche Sänger sind wegen dieses Drucks schon Stunden vor der Vorstellung nicht mehr ansprechbar.

Ich versuche, möglichst lange locker zu bleiben. Wenn die Anspannung zu früh einsetzt, macht das nur müde.

Lenken Sie sich ab? Schlafen Sie?

Ich lege mich ins Bett, schaue ein wenig fern oder gehe spazieren ... Schlafen geht nicht. Denn dadurch wird die Stimme müde, unbeweglich.

Wie ernähren Sie sich?

Ich esse wenig. Denn es stimmt: Singen ist wie Sport. Wenn man vor dem Auftritt so richtig isst, wird der Körper müde, braucht Schlaf ... Ich esse meistens einfach etwas Salat. Das wirkliche Problem stellt sich nach der Vorstellung: Man hat Riesenhunger, sollte aber eigentlich nichts mehr essen, weil's schon so spät ist. Ich glaube, fast alle Sänger haben ein Magenproblem. Wir essen einfach zu spät und zu ungesund. Dabei muss man heutzutage auf die Figur achten, denn die Regisseure wollen, dass wir nicht nur singen, sondern auch Theater spielen oder sogar akrobatische Leistungen vollbringen! Als Périchole musste ich in Zürich Motorroller fahren und durch die Luft fliegen. In Barcelona hatte ich kürzlich in Händels «Alcina» von einem etwa fünf Meter hohen Riesenstiefen aus gezielt einen Ball zu werfen. Derlei ist schwierig, wenn man zwanzig Kilo zu viel hat. Das hat nichts mehr mit Ästhetik zu tun, sondern man schaffts einfach nicht.

Waren die Opernsängerinnen früher so dick, weil sie immer nach Mitternacht schlemmten?

Es gibt Sängerinnen, die sich irgendwie sicherer fühlen, wenn sie so zehn, fünfzehn Kilo Übergewicht haben. Sie halten auch ihre Stimme für kräftiger. Ich denke, das hat mehr mit Psychologie zu tun. Bei mir ist das sowieso umgekehrt. Wenn ich zu viele Kilos habe, und momentan kämpfe ich nach der Geburt meines ersten Kindes noch etwas mit meinem Gewicht, werde ich schneller müde. Und ich schwitze auch mehr.

Vesselina Kasarova, 33, ist Bulgarin und Schweizerin. Sie lebt mit ihrem Mann Roger und ihrem Söhnchen Yves bei Zürich. Kasarova hat ein Repertoire von 35 Mezzosopranpartien. Soeben ist bei BMG ihre achte CD «Rossini - Arien & Duette» erschienen.


© Das Magazin (Tages-Anzeiger), Nr. 14, 10. - 16.4.1999, Seite 5, Richard Reich

April-Gespräche mit Vesselina Kasarova (II)

Das Lied der Heimat

Schon Orpheus wuchs auf diesem Boden heran. Trotzdem leiden Stimmen aus Bulgarien unter einem diffusen Ostblock-Image. Vesselina Kasarova über Rassismus in der Oper.

Frau Kasarova, Sie sollen noch Staatschef Todor Schiwkow vorgesungen haben?!

Ja, das war eine seltsame Sache. Wir, eine Gruppe von Gesangsstudentinnen vom Konservatorium Sofia, wurden abgeholt. Man führte uns durch unterirdische Gänge in ein Zimmer, wo wir für Todor Schiwkow singen mussten.

Was haben Sie ihm vorgetragen?

Oh (sie lacht), es ist peinlich, aber ich habe keine Ahnung mehr.

Sie sind Ehrenbürgerin Ihrer Heimatstadt Stara Zagora.

Ja (lacht verlegen), das stimmt.

Die Verbindungen sind also intakt?

Nein, gar nicht. Wenn ich alle paar Monate in Stara Zagora bin, sehe ich meistens nur meine Eltern. Zum alten Freundeskreis habe ich fast keinen Kontakt mehr. Ich habe wenig Zeit, und die Leute dort haben andere Sorgen. Die meisten Menschen in Bulgarien haben ihr Leben lang immer nur gearbeitet und stehen jetzt trotzdem vor dem Nichts. Das zermürbt und nagt am Selbstwertgefühl. Auch ich habe immer noch Komplexe. Ständig habe ich das Gefühl, irgentetwas falsch zu machen. Früher habe ich mich andauernd entschuldigt, ohne zu wissen, wofür.

Sie sind ein ängstlicher Mensch?

Nicht unbedingt. Ich denke, ich bin oft gerade deshalb ziemlich stark, weil ich arm gelebt habe. Ich kann mehr durchstehen als andere, weil ich Disziplin gelernt habe, Disziplin durch Angst. Bei uns konnte man nicht einfach irgendetwas tun oder gedankenlos daherreden, sonst war man am nächsten Tag weg. Man musste sich fügen, ohne Fragen zu stellen. Mir sagte man zum Beispiel 1988 plötzlich, dass ich nach Salzburg reisen müsse, um vorzusingen. Dass es Karajan war, der mich hören wollte, erfuhr ich erst, als ich dort war.

Wie stand Ihre Familie zum Regime?

Ich entstamme keiner kommunistischen Familie. Mein Grossvater, ein vielseitig gebildeter Ingenieur, wurde verfolgt, kam in eines dieser Gefängnisse und starb bald nach seiner Freilassung. Mein Vater durfte weder studieren noch den Namen Kasarov tragen. Er nannte sich Angelov, liess mich aber auf Wunsch des Grossvaters wieder als Kasarova eintragen - was zur Folge hatte, dass ich meine ganze Jugend über glaubte, ich sei adoptiert.

Hat man denn in der Familie nie über diese Dinge gesprochen?

Kein Wort. Man hatte eben Angst. Ausserdem hat mein Vater prinzipiell keine Kommentare zum Regime abgegeben. Er versuchte, positiv zu denken, das Beste aus der Situation zu machen. Erst als ich 18 war, hat meine Grossmutter mir die ganze Geschichte erzählt.

Haben Sie selber Repressionen erlebt?

Es wurde mir an der Akademie der eine oder andere Wettbewerbspreis vorenthalten, weil ich keinen dieser komischen roten Kommunistenpässe hatte. Das war natürlich traurig. (Sie lacht.)

Wie ist so eine Jugend zu bewältigen?

Meine Jugend war insgesamt glücklich. Das verdanke ich meinen Eltern, die alles für mich getan haben. Im Übrigen heisst mein Rezept: nicht vergessen, was ich war, wo ich begonnen habe. Das tut mir gut und hilft mir, natürlich zu bleiben. Ich weiss, was es heisst, zwei Stunden lang für Brot anzustehen und schätze darum sehr, was ich jetzt habe. Trotzdem vertrage ich nicht, wenn mich jemand einfach wegen meiner Herkunft in eine Schublade steckt.

Hat Ihnen Ihre Herkunft den Durchbruch im Westen erschwert?

Es gibt ein gewisses Image, das man nur mit grossem Aufwand loswird. Junge Sängerinnen und Sänger aus dem ehemaligen Ostblock werden von den Managern ins «typisch slawische» Fach gedrängt, egal, ob ihre Stimme dorthin passt oder nicht. Drei Jahre später sind sie fertig. Ich habe während Proben schon Dinge zu hören bekommen wie: Kasarova, wir sind hier nicht am Bolschoi-Theater! Kasarova, das ist Händel, nicht Tschaikowski! Solchen Leuten ist es egal, ob ich aus Russland oder Bulgarien komme. Ostblock bleibt Ostblock. Das ist für mich Rassismus. Zumal der Gesang bei uns uralte Tradition hat: angefangen bei Orpheus bis zu so berühmten Opernsängern wie Boris Christoff, Nicolai Ghiaurov oder Anna Tomowa-Sintow.


© Das Magazin (Tages-Anzeiger), Nr. 15, 17. - 23.4.1999, Seite 5, Richard Reich

April-Gespräche mit Vesselina Kasarova (III)

Die Diva über Diven

Die Operndiva Vesselina Kasarova zitiert Roberto Blanco und erklärt, weshalb die Zeit der Diven vorbei ist, weshalb sie oft zu hoch singt und weshalb viele Orchester zu laut spielen.

Frau Kasarova, sind Sie eine Diva?

Ich verstehe das Wort als Kompliment, auch wenn es nicht zu mir passt. Für mich hat «Diva» weniger mit Gehabe als mit aussergewöhnlichen Qualitäten, mit Persönlichkeit zu tun, wobei das Pomöse sicher irgendwie dazugehört.

Gibt es sie heute denn überhaupt noch, die pompösen Primadonnen?

Ich kenne ein paar Kolleginnen, die sich verändert haben mit dem Erfolg. Aber insgesamt ist es nicht mehr wie früher. Die Primadonna passt einfach nicht mehr zu dieser Zeit. Wir, die junge Generation, leben anders, sportlicher, kontrollierter, etwas dynamischer.

Weltberühmt werden derzeit vor allem Sänger, die sich mit der Popindustrie verbünden, die «drei Tenöre», die Caballé.

Montserrat Caballé würde ich da nicht dazuzählen. Sie wird vom Publikum geliebt, weil sie die richtige Mischung zwischen Lockerheit, Offenheit und jener Distanz findet, die ein Minimum an Respekt vor unserem Metier gewährleistet.

Wäre es für Sie denkbar, in diesen Opernpopmarkt einzusteigen? Vielleicht mit einem kleinen Duett mit Elton John?

Warum nicht? Allerdings nur, wenn das Projekt wirklich Substanz hat.

Das meiste aus dieser Sparte riecht ja doch sehr nach Marketingstrategie.

Künstler sind Künstler. Ich glaube nicht, dass jemand irgendetwas nur aus finanziellen Gründen macht. Für uns alle gilt im Grunde, was Roberto Blanco singt: Ein bisschen Spass muss sein, ein bisschen Glück muss man haben ... (Sie lacht.) Der Plattenmarkt funktioniert ja ganz einfach: Je mehr Erfolg jemand hat, desto eher kommen die Plattenfirmen mit allen möglichen Projekten, und man hat die Qual der Wahl. Wichtig ist, dass ein Plattenprojekt zum eigenen Repertoire passt. Sonst ist man innert kürzester Zeit ausgelaugt.

Zumal Sie auf der Bühne immer gegen Ihre eigenen CDs ansingen müssen.

Für mich sind das zwei Welten. Aber natürlich werden wir mit unseren Platten verglichen, es gibt ja auch hörbare Unterschiede. Ich habe immer das Gefühl, dass meine Stimme auf CD an Wärme verliert. Das ist halt die Tendenz: Nicht nur die Stimme, auch das Klavier, die Geigen, alles klingt in der gängigen Digitalqualität beinahe scharf.

Können Sie das nicht beeinflussen?

Das ist schwer. Wenn ich mir ein Band zum ersten Mal anhöre, fällt mir vieles auf. Aber je öfter ich es höre, desto mehr gewöhne ich mich daran. Zudem müssen wir heute generell viel höher singen als früher. Auf alten Aufnahmen hört man das meiste fast einen Ton tiefer und damit auch «wärmer».

Wie das?

Seit Karajan ist das so. Er liess das Orchester die Instrumente höher stimmen, um einen glanzvolleren Klang zu erreichen. Und dann gibt es da noch die Unterschiede zwischen den Theatern. Wenn ich an der Wiener Staatsoper im «Barbiere» die Rosina singe, dann ist das nicht mehr Mezzo, sondern fast schon Sopran. Wenn ich hingegen in Bulgarien singe, ist alles viel tiefer.

Was ist Ihre Lieblingsrolle?

Tja, momentan ist es die Charlotte in Massenets «Werther». Früher waren mir die Figuren von Mozart, Rossini, Bellini am nächsten. Doch bei Charlotte stimmt einfach alles: die Persönlichkeit, die Stimme. Charlotte ist romantisch und doch realistisch. Wie von heute.

Charlotte ist, verglichen mit Mozart, fast eine dramatische Partie ...

Da gibt's auch so ein Missverständnis. Dramatik heisst nicht einfach mehr Dezibel. Es gibt nichts Dramatischeres als Mozart. Er ist ja so genial, weil seine Dramatik so intim, so normal daherkommt. Wenn ich traurig bin, schreie ich nicht, und so ist es auch bei Mozart: Seine Figuren reagieren natürlich, während es bei den meisten Komponisten pompöser, unrealistischer zugeht. Abgesehen davon, dass wir Sänger in solchen Opern oft unter zu lauten Orchestern leiden.

Liegt das alles an den Komponisten?

Nein, vielfach genügt ein Blick in die Partitur, und man sieht, dass da an sich eine ständig wechselnde Dynamik vorgeschrieben wäre. - In der Oper liegt die Macht eben letztlich bei den Dirigenten, und die nützen sie. Deshalb lautet meine erste Frage bei einem Rollenangebot auch immer: Wer ist der Dirigent?


© Das Magazin (Tages-Anzeiger), Nr. 16, 24. - 30.4.1999, Seite 5, Richard Reich

April-Gespräche mit Vesselina Kasarova (IV)

Die Phantome der Oper

Die Opernsängerin Vesselina Kasarova über düstere Hotelzimmer, Krankheit, Ängste, Aberglauben und den Versuch, trotzdem normal zu bleiben.

Frau Kasarova, Sie sind 33 und seit zehn Jahren als Berufssängerin unterwegs. Wie viele Hotelzimmer haben Sie hinter sich?

Mehr als genug, und dann all diese Wohnungen ... Ich war jetzt wochenlang in Barcelona und habe nichts gesehen, rein gar nichts! Ich kann es mir einfach nicht erlauben, in ein Museum zu gehen, weil mich das zu müde macht. Kürzlich traf ich eine ältere Kollegin aus Bulgarien, die ist nach Bulgarien gekommen, um jene Stadt zu besichtigen, in der sie im Lauf ihrer Karriere mindestens zwanzig Mal gesungen hat ...

Was war das schlimmste Hotelzimmer Ihrer bisherigen Laufbahn?

Eine Wohnung in Italien. Die war so düster, dass sie mich krank machte. Fieber, Stimme weg - so schnell geht das. Die kleinste Entzündung, schon ist die Stimme nicht mehr flexibel, und man kann sich nur noch auf die Technik verlassen. Stimmt die Umgebung nicht, wird man krank. So einfach ist das.

Können Sie in Hotelzimmern überhaupt arbeiten?

Ja, doch. Alle Sänger haben so ein kleines Keybord im Gepäck, das sie überallhin mitschleppen. Lieber keine Zahnbürste, als dass ich auf mein Klavier verzichte und auf frische Batterien! Denn so bin ich als gelernte Pianistin ziemlich unabhängig und kann mich jederzeit selbst begleiten.

Wie muss man sich diese Art von Kammermusik vorstellen?

Also zuerst summe ich ein bisschen, dann gebe ich mehr und mehr Stimme und lege richtig los. Das ist dann der Moment, wo man sich bei im Hotel bei den Zimmernachbarn beliebt macht ...

Wie wählen Sie die Zimmer aus?

Meine Agentur weiss, was ich will und leitet das an die Opernhäuser weiter. Für mich ist wichtig, dass das Zimmer ruhig ist, obwohl ich Menschen eigentlich brauche und nicht gern allein bin. Aber man kann eben nicht alles haben.

Es hat wohl etwas Einsames, dieses ewige Unterwegssein zwischen immer anderen Städten, Hotels und Theatern?

Viele Opernsängerinnen sind einsam. Das kommt oft daher, dass ihre Männer kein Verständnis für den Aufwand haben, den so eine Karriere braucht, und nur profitieren wollen. Bei mir ist das zum Glück nicht so, und ich kenne auch einige Kolleginnen, bei denen es klappt. Aber das sind Ausnahmen. Die meisten scheinen immer an den Falschen zu geraten. Dabei ist es extrem wichtig, dass es privat gut läuft. In diesem Beruf ist man so verletzlich und anfällig auf alles Erdenkliche. Wir versuchen zwar, möglichst viele Faktoren zu kontrollieren: Essen, Schlaf, Gesundheit. Aber fürs Privatleben gibt's eben kein Rezept.

Besonders die Angst vor der Krankheit ist dabei ein ständiger Begleiter?

Deshalb auch unser verbissener Kampf gegen Krankheitserreger. Schon wenn wir ein Taxi besteigen, leiern wir: Bitte Fenster zu, bitte nicht rauchen! Mein Gott, wir sagen immer das Gleiche, wie programmiert. Dabei versuche ich wirklich, so normal wie möglich zu bleiben! Aber dann kommt man in eine Stadt, und dort muss im Ensemble nur ein Mensch krank sein, und schon ist die Katastrophe passiert. Was soll man da machen? Ständig Antibiotika schlucken? Ich habe damit aufgehört. Wenn ich krank bin, sage ich halt ab. Obwohl es wehtut, wenn man ein, zwei Monate gearbeitet hat und dann an der Premiere krank ist. Nicht wegen des Finanziellen, wegen der Frustration. Man fühlt sich wie eine Null.

Und deshalb neigen Opernsänger zu Schutzritualen wie Holz anfassen, über die Schulter spucken ... Was bevorzugen Sie?

Ich bin nicht abergläubisch. Ich gaube zwar schon an ein Schicksal, aber nicht fanatisch. Ich trage, wie viele Slawen, ein Kreuz und bekreuzige mich, bevor ich die Bühne betrete, oder wenn das Flugzeug startet. Was darüber hinausgeht, mag ich nicht, halte vieles sogar für geährlich. Als ich damals in Wien lebte, habe ich jeden Tag im «Kurier» mein Horoskop gelesen. Nach einer Weile merkte ich, dass das plötzlich meinen Tag beeinflusste. Ich wusste, das ist alles totaler Blödsinn. Aber plötzlich schien ich die vorausgesagten Ereignisse und Gefühle wie ein Magnet anzuziehen ... (Sie lacht.) Nach einem Monat musste ich jedenfalls dringend aufhören damit.


© Das Magazin (Tages-Anzeiger), Nr. 17, 1. - 7.5.1999, Seite 5, Richard Reich

April-Gespräche mit Vesselina Kasarova (V)

Im Land der Lustigen

Die Opernsängerin Vesselina Kasarova über die Lustigkeit der Schweizer und das Tolle an unseren Bratwürsten.

Haben Sie gestern Abend Fussball geschaut, Frau Kasarova?

Ja, ein bisschen. Die Schweiz hat doch gewonnen, 2:0 oder)? Und Bulgarien hat auch gewonnen. Auch 2:0.

Eine Art Doppelsieg für Sie, zumal Sie ja Doppelbürgerin sind.

Stimmt, ich hatte viel Grund zur Freude. Ausserdem mag ich halt einfach guten Fussball.

Und wie gut finden Sie den Schweizer Fussball?

Ich finde es beachtlich, wie viele gute Sportler ein so kleines Land wie die Schweiz hervorbringt. Deshalb verstehe ich auch nicht, weshalb in der Schweizer Öffentlichkeit ständig von fehlenden Erfolgen die Rede ist. Nicht nur im Sport, auch in der Kunst.

Welche Schweizer Künstler mögen Sie besonders, von Sängern und anderen Musikern einmal abgesehen?

Vor allem die lustigen. Am meisten Emil. Ich bin ein grosser Emil-Fan, und ich hatte sogar einmal das Glück, ihn kennen zu lernen, als ich ein Konzert gab, das er besuchte. Er scheint ein liebevoller, sensibler Mensch zu sein. Und er ist wirklich sehr lustig. Überhaupt kenne ich fast nur lustige Schweizer.

Das klingt eher erstaunlich.

Nein, wirklich! Zum Beispiel Erich, ein Freund von mir - ich kann einfach nur lachen mit ihm. Oder mein Mann - der war am Anfang auch eher ein Ruhiger. Und jetzt singt er zu Hause ...

... wie ein Bulgare.

Fast. Na, insgesamt sind wir halt schon etwas expressiver. Wenn Bulgaren unter sich plaudern, glauben Aussenstehende, der dritte Weltkrieg stehe bevor.

Wir Schweizer brauchen hingegen Leute wie Sie, damit wir merken, wie lebhaft und lustig wir sind.

Ach, und was ist mit den Leuten von dieser Familie ...?

«Fascht e Familie»?

Genau. Die sind doch urkomisch! Oder dann dieser Herr Giacobbo? Der ist einfach genial.

Was mögen Sie noch am Schweizer Leben?

Diese unvergleichliche Ruhe. Die ist für mich jedes Mal Balsam, wenn ich nach Hause komme, nach all der Fliegerei, den vielen Gesichtern, den wechselnden Orchestern ...

Ist es Ihnen nie zu ruhig hier?

Die Schweizer Ruhe hat für mich nichts mit Langeweile zu tun. Mehr mit Gelassenheit, Intimität oder Korrekthit. Ich mag, dass die Leute hier korrekt sind, dass die Leute hier nicht lügen. Das ist mir lieber als falsche Freundlichkeit.

Was mögen Sie an Zürich.

Vor allem den Zürichsee, den liebe ich wirklich. Da ist es schön zum Spazieren, die vielen Hunde, die Strassenmusiker, es läuft immer was. Überhaupt hänge ich einfach von Herzen an Zürich, schon seit meinem ersten Aufenthalt. Ich kam ja damals 1989, als völlig unerfahrene junge Sängerin hierher, und es war einfach unglaublich, wie man mich am Opernhaus aufgenommen und mir geholfen hat. Das werde ich nie vergessen.

Im Opernhaus haben Sie ja auch Ihren Mann kennen gelernt. Das war offenbar ein richtiges Theatermärchen.

Ja, er stand fast jeden Abend nach meinen Auftritten am Bühneneingang. Ich dachte die längste Zeit, er sei Engländer, weil er mich auf Englisch angesprochen hat. Und ich habe immer nur «yes, yes» gesagt und genickt, weil ich damals ja noch praktisch kein Wort Englisch gesprochen habe ... (Sie lacht.)

Mögen Sie die Schweizer Küche?

Ja. Vor allem Rösti. Oder dann die Bratwürste! Bratwürste esse ich wirklich sehr gern!

In der «Kronenhalle»?

Wieso nicht? Aber das Tolle an der Schweizer Bratwurst ist ja gerade, dass sie auch bei der Migros, ja einfach überall gut schmeckt.

Was fehlt Ihnen im Kühlschrank am meisten, wenn Sie im Ausland sind?

Der Käse.

Welcher?

Gruyère, nicht zu rezent.

Sind Sie zufrieden mit Ihrem Leben?

Ja. Ich bin gesund, ich bin zufrieden, und momentan sind das auch alle Menschen, die mein Leben ausmachen. Es mag banal klingen, aber ich halte letztlich genau das für das Wichtigste: gesund zu sein, zufrieden zu sein und es möglichst oft gemütlich zu haben.


© orpheus, Mai 1999, Seite 2 - 4, Bernd Hoppe

Zauber einer Persönlichkeit

Bernd Hoppe traf die Mezzosopranistin in Barcelona

Für das "Comeback" nach einer kurzen Karrierepause, bedingt durch die Geburt ihres Sohnes, wählte Vesselina Kasarova Mozarts Dorabella in einer Aufführungsserie der "Così" am Opernhaus Zürich - eine Partie, die zu ihren ersten grossen Erfolgen zählte und sich für das Ausprobieren der körperlichen Kondition und stimmlichen Verfassung anbot. Doch gleich darauf folgte ein wichtiges Rollendebüt - der Ruggiero in der Neuproduktion von Händels "Alcina" am Teatre Liceo in Barcelona. Neben prominenten Partnerinnen (Luba Orgonasova und Ewa Podles) gab sie in Herbert Wernickes konzeptionell eigenwilliger Inszenierung den jungen Ritter mit der ihr eigenen Intensität - von aufbrausendem Temperament in seinen Reaktionen, sensibel und verletzlich in den Gefühlen für Alcina wie Bradamante. Optisch in jedem Moment ein junger Mann unserer Zeit - burschikos, leger, elegant -, sang Vesselina Kasarova bei ihrer ersten Auseinandersetzung mit einer Händel-Partie auf der Bühne Ruggieros Arien mit beispielloser Musikalität, tiefer Empfindsamkeit und stimmlicher Delikatesse. Dass sie dieser Musik auch die Bravour nicht schuldig blieb, bewies das virtuos hingelegte "Sta nell'Ircano", dessen Koloraturen sie dynamisch reich schattierte und in immer neue Farben tauchte. Die "Verdi prati" dagegen zeigten in Phrasen von entrückter Innigkeit ein geradezu trancehaftes Versenken in Ruggieros konfliktreiche Situation und in die für die Sängerin neue musikalische Welt.

"Es gibt Hörer, die Barockmusik nicht mögen und deren Schwierigkeiten absolut unterschätzen. Solche Kompositionen hängen in ihrer Wirkung sehr vom Musizierstil ab, können langweilig sein und ihre Wirkung verfehlen. Diese Musik braucht Farben, Eleganz und die Brillanz der Koloraturen, soll sie lebendig bleiben; und dafür ist natürlich der Dirigent immens wichtig. Ich freue mich sehr, dass es seit einiger Zeit geradezu eine Renaissance dieses Genres gibt, und möchte das Händel-Repertoire in meiner Arbeit weiter pflegen.Seine Koloraturen finde ich noch genialer geschrieben als die Rossinis, allerdings sind sie auch schwerer. Doch man kann als Sänger in diesem Wechsel von schnellen und langsamen Arien sehr viele unterschiedliche Seiten der Stimme zeigen. Freilich sollte man aufpassen, in den Verzierungen der da capi nicht zu viel zu machen; selbstverständlich muss man variieren und Eigenes dazugeben, aber es muss zum Stil der Komposition passen und deren Eleganz bewahren."

Vesselina Kasarovas musikalische Götter sind Mozart und Rossini. Als letzte Partie vor der Schwangerschaftspause hatte sie im letzten Sommer beim Rossini Festival in Pesaro mit der Titelpartie in "La Cenerentola" das anspruchsvolle und mit dieser Musik höchst vertraute Publikum im Sturm erobert. Auch dies war ein Rollendebüt; und mit eiserner Disziplin absolvierte sie - ungeachtet ihres körperlichen Zustandes und der sengenden Hitze des Südens - alle vorgesehenen Aufführungen. Da gelang eine ganz individuelle Formung der Figur - fragil, melancholisch und von stillem Charme, war sie stets eine Aura der Anmut und Würde. Und wie sie ihre Skalen kolorierte, die Töne wie mit einem feinen Pinsel delikat tupfte und die gefürchteten Hürden der Partie mit müheloser Leichtigkeit nahm, war hinreissend und schon bei dieser ersten Gestaltung ein der Vollendung nahekommendes Porträt.

Angelinas Schlussrondo singt Vesselina Kasarova auch auf ihrer neuen CD bei BMG, einem Rossini-Recital, das sowohl in der Programmauswahl als auch dem Tenorpartner besonders interessant sein dürfte. Es ist Juan Diego Flórez, ihr stattlich-rassiger Prinz Ramiro aus der Produktion in Pesaro, mit dem sie optisch ein Traumpaar bildete und dessen wohlklingender, sinnlich timbrierter Tenor nun auch auf dieser Einspielung zu hören ist und sich mit Vesselina Kasarovas Stimme in drei Duetten harmonisch vereint. Da ist vor allem ein Ausschnitt aus "Otello" zu nennen, in dem die Mezzosopranistin die Titelrolle übernimmt und damit die Nachfolge der legendären Maria Malibran antritt, die diese Variante 1816 in einer Aufführung des Werkes am Teatro San Carlo Neapel gab.

"Ich hatte davon gehört und mich in der entsprechenden Literatur informiert, da ich mich sehr für die historischen Vorgänge im Zusammenhang mit Komponisten und Sängern interessiere. Ich glaube, früher war alles ein bisschen ‘richtiger' - das Wichtigste waren die Sänger! Heute sind die Orchester höher gestimmt und spielen immer lauter, und das ist für uns nicht eben von Vorteil. Selbst mittelmässige Dirigenten äussern sich oft schlecht über Sänger; sie sollten einmal selbst auf der Bühne stehen und singen! Dann würden sie schnell begreifen, dass es keinen Sinn macht, wenn die Stimmen im Lärm des Orchesters untergehen. Was nützen alle mühsam erarbeiteten Feinheiten und piano-Phrasen, wenn der Dirigent darauf nicht eingeht? Ein guter Chef am Pult spürt, wenn der Sänger eine Pause benötigt und atmen muss; man braucht beim Singen auch körperliche Ruhemomente, damit die Technik funktionieren kann. Mit einem guten Dirigenten, der mitatmet und mitsingt, ist alles viel leichter. Ohnehin werden an uns heutzutage immer höhere Anforderungen gestellt, nicht nur stimmlich, sondern auch bezüglich des guten Aussehens und der körperlichen Vitalität auf der Szene. Bei der derzeitigen Tendenz des zu lauten Spielens kann sogar Mozart, ja eigentlich jeder Komponist, für die Stimme gefährlich werden. Muss man ständig gegen diesen Schwall aus dem Orchester ankämpfen, leidet die Stimme, und man verliert die Intuition, wieviel man geben muss. Eigentlich denken viele meiner Kollegen so, aber nur wenige haben den Mut, sich darüber zu beklagen. Ich selbst gehe nie bis an die Grenze meiner Stimme, denn ich möchte ja nicht nur zehn Jahre singen, sondern arbeite vielmehr am Ausdruck und an den Farben."

Der letzte Satz bringt unser Gespräch auf das Thema "Belcanto", mit dem sich für Vesselina Kasarova zunächst einmal die Vorstellung von einer "besonders schönen Stimme mit hohen technischen Qualitäten und dem Gefühl für die spezifische Art dieser Musik" verbindet. "Natürlich ist der Belcanto auch eine Ausdrucksmöglichkeit, und die Stimme muss dafür unbedingt die nötige Dramatik besitzen, was nicht zu verwechseln ist mit grossem Volumen! Es gehört sehr viel Geschmack dazu, solche Musik zu interpretieren, die ich als etwas sehr Feines empfinde. Und deshalb muss das ganze Ensemble gut zusammenpassen. Auch die Partner müssen über schön klingende Stimmen verfügen. Bellinis Musik ist die am schwersten zu singende, glaube ich. Mir steht sie am nächsten wegen der Ausdrucksvielfalt, die der Komponist dem Interpreten ermöglicht. Beim Romeo in den ‘Capuleti' gibt es sehr intime und dann wieder ganz dramatische Momente; je mehr solcher Schattierungen ich in einer Partie zur Verfügung habe, desto leichter fällt es mir, sie zu singen. Bei Rossini entsprachen bisher nur die Isabella und der Tancredi meinem sängerischen Naturell; die Angelina ist in ihrer Ausdrucksdimension der Melancholie eher einseitig. Mir ist die Vielseitigkeit des Charakters und der damit verbundenen darstellerischen Möglichkeiten eminent wichtig, denn das kommt auch in die Stimme hinein."

Der Komponist jedoch, dessen Musik Vesselina Kasarova in ihrer Laufbahn am längsten singen möchte, ist Mozart. "Seine Figuren sind für mich ungeheuer reich. Mit dem Sesto beispielsweise kann ich - genauso wie mit Romeo - die Lyrik und die Dramatik meiner Stimme zeigen. Es ist eine sehr schwere Partie, und trotzdem war ich nach einer ‘Tito'-Aufführung nie müde. Es ist einfach phantastisch geschrieben, fast wie eine Therapie für die Stimmbänder. Mozart hat die Mezzosoprane wohl sehr geliebt! Wenn ich Sesto singen kann, ist alles in Ordnung; und ich möchte ihn die nächsten zehn Jahre unbedingt weiter im Repertoire halten - im Gegensatz zu Cherubino, den ich sicher nicht mehr so lange singen werde."

Die Zerlina bei den Salzburger Festspielen vor drei Jahren reichte bereits in die Sopranregion; und auch Vitellias Rondo auf Vesselina Kasarovas Mozart-CD bei RCA/BMG könnte an eine Annäherung an solche Partien denken lassen. "Für die Vitellia und die Donna Elvira bekam ich tatsächlich schon Angebote; aber mit den Sopranpartien lasse ich mir Zeit - die Stimme wird es eines Tages zeigen. Schon jetzt - nach der Geburt meines Kindes - spüre ich eine Veränderung, nicht im Sinne von gewachsenem Volumen, sondern einer grösseren Wärme. Sopranpartien können für den Mezzo sehr gefährlich werden; er muss das Timbre verändern, um in dieser Lage singen zu können. Aber ein Mezzo darf auf gar keinen Fall seine Tiefe verlieren! Überhaupt ist das eine recht schwierige Stimmgattung; und ich möchte im Moment kein Risiko eingehen, nur um mir selbst zu beweisen, dass ich das singen könnte. Bei anderen Sängerinnen mag das anders sein, ohnehin ist alles sehr individuell; und daher sollte man grundsätzlich keine Vergleiche ziehen."

Vesselina Kasarova hat in den zehn Jahren ihrer bisherigen Karriere bereits 36 Rollen gesungen - von Händel über Mozart bis Offenbach - und möchte viele davon immer wieder singen, um sie zu vertiefen. "All diese Figuren auf der Bühne spielen zu dürfen, lässt einen als Persönlichkeit reifer werden. Meine absolute Lieblingspartie zur Zeit ist die Charlotte; sie ist so geschrieben, dass mein Gefühl als Frau am stärksten angesprochen wird. Jetzt kommt die Marguerite in der ‘Damnatinon' in Salzburg, aber ich kann erst nach dem Singen auf der Bühne sagen, welches Verhältnis ich dazu habe. Vorher sehe ich zwar die Noten, doch weiss ich nicht wirklich, welche Beziehung ich zur Figur und zur Musik finde. Dass der ‘Werther' bei RCA im Herbst als CD Einspielung erscheint, freut mich sehr. Die Aufnahmen in Berlin, von Stefan Mikorey bestens organisiert, liefen ohne Komplikation, weil auch der Dirigen, Michail Jurowski, perfekt vorbereitet war. In Ramón Vargas hatte ich einen glänzenden Partner; die Partie scheint mir für ihn sehr passend zu sein. Ich selbst möchte bei Aufnahmen immer die Kraft haben, nicht nur die Töne, sondern auch meine Gefühle wiederzugeben - und das bei jeder Wiederholung. Es ist harte Arbeit, für die man auch eine entsprechende körperliche Kondition braucht. Wir haben in grösseren Tracks aufgenommen, um die nötige szenische Atmosphäre zu schaffen, und trotz meiner Schwangerschaft fühlte ich mich überhaupt nicht müde. Die grosse menschliche Bereicherung, die ich durch meinen Zustand empfand, ist hoffentlich auch in meine Charlotte eingegangen."

Das französische Repertoire nimmt in Vesselina Kasarovas Arbeit auch zukünftig einen breiten Raum ein. Im April bereits gab es in München eine konzertante Aufführung von Donizettis "La Favorite" unter Marcello Viotti, die von RCA live für eine CD-Veröffentlichung mitgeschnitten wurde. In konkreter Planung befinden sich ein Recital mit französischen Arien sowie ein Offenbach-Programm unter Lorin Maazel. Weitere interessante Projekte in der Aufnahmetätigkeit für ihre Stammfirma RCA sind eine Platte mit bulgarischen Liedern und ein Recital mit Händel-Arien, das man nach dem jüngsten Erfolg in Barcelona geradezu ersehnt. Auch eine weitere Rossini-Gesamtaufnahme befindet sich in der Planung.

Über Jahre ausgebucht ist die Sängerin in ihrem Auftrittskalender. So wird sie die erfolgreiche Serie ihrer Duo-Abende mit Edita Gruberova fortsetzen und in Paris (24.6.), Hohenems (27.6.), Mailand (1.7.) sowie Ludwigsburg (4.7.) auftreten. Unter Eve Queler singt sie Bellinis Romeo konzertant in der New Yorker Avery Fisher Hall (25.10.) und geht danach für den Idamante an die San Francisco Opera (Premiere 14.11.). Zu Beginn des Jahres 2000 stellt sie sich als Sesto in der Salzburger Herrmann-Produktion von Mozarts "Tito" in London vor. Im Februar gibt es eine Isabella an der Pariser Oper und im April eine Neuproduktion der "Anna Bolena" mit Edita Gruberova am Opernhaus Zürich. Den Sommer verbringt sie in Salzburg, wo sie in einer "Idomeneo"-Neuinszenierung von Ursel und Karl-Ernst Herrmann wiederum als Idamante und unter Claudio Abbados Leitung als Dorabella in der neuen Festspiel-"Così" zu erleben ist. Das Jahresende schliesslich sieht sie erneut in New York,wo sie an der Metropolitan Opera ihren ersten Octavian singen wird. "Ich liebe diese Herausforderungen und den Wechsel der Partien und Stile. Mozart singe ich vor allem schlank, andere Partien wieder ganz anders. Ich möchte immer wieder überraschen und nicht in eine Schublade gesteckt werden."


© Scala, 3/99, Mai/Juni 1999, Seite 26 - 29, Wolf-Christian Fink

Hosentyp

Die bulgarische Mezzosopranistin Vesselina Kasarova begeistert die Opernfans - besonders in Männerrollen

Vesselina Kasarova ist überwältigt: „Nun stellen Sie sich vor, diesen Riesenraum müssen wir Sänger allein mit unserer Stimme füllen!" Wir stehen im wiederaufgebauten Liceu-Opernhaus von Barcelona und blicken in eine regelrechte Schlucht: Ganze 45 Meter liegt der Boden der Bühnentechnik unter uns, bis zum Dach sind es 25 Meter. Emsiges Sägen, Bohren, Hämmern und Schleifen allerorten, denn am 7. Oktober soll die Wiederöffnung gefeiert werden. Fertig sind bislang aber höchstens die Bauleiter - mit den Nerven: Schon jetzt ist klar, dass Teile des Untergeschosses im Rohbau bleiben. Aber die Party steigt trotzdem. „Leider ohne mich", schreit Vesselina Kasarova über den Lärm hinweg, „ich wäre gern dabeigewesen. Schliesslich hab' ich hier schon 1994 (corr. 1993) gesungen!"
Damals allerdings kannte die Bulgarin keiner. Sie hatte den Bertelsmann-Gesangswettbewerb in Gütersloh gewonnen, eine CD produzieren dürfen und sich ehrgeizig in ihrem Fach hochgearbeitet - als Rosina in Rossinis „Barbier von Sevilla" und Cherubino in Mozarts „Figaro": Eine der berühmtesten Männerrollen für Sängerinnen und Pflicht für jede Newcomerin, aber bald Routine. „Du bist jung, du hast eine brillante Ausbildung, du beherrschst die Rolle. Das ist die eine Hälfte des Berufs. Die andere: Du musst die Partie jeden Abend so singen, als wäre es das erste Mal. Egal wie du dich fühlst. Und das lernt man nicht auf dem Konservatorium."

Wenn es um ihren Beruf geht, fängt sie sonst eher sanfte Bulgarin Feuer. Plötzlich gestikuliert sie wild, redet wie ein Wasserfall und lässt vor Eifer sogar ihren Kaffee erkalten. Sie kokettiert aber nicht, sie beschönigt nichts, und sie macht auch nicht auf Show. „Wir aus dem Osten hatten das Glück einer phantastischen Schule. Unser Unterricht war mitnichten ein Trainingscamp für verdiente Künstler des Volkes. Es gab die Freiheit der Kunst, auch wenn damit harte Selbstdisziplin verbunden war. Mein erstes Engagement hatte ich an der Züricher Oper. Dort merkte ich bei aller Unsicherheit, dass mein Handwerk in Ordnung ist."

Wenig anfangen kann sie mit dem Vorurteil, slawische Stimmen seien technisch perfekt, aber kalt und leblos. „Sehen Sie, wir hatten gestern ein slawisches Hauptrollen-Trio. Luba Orgonasova in der Titelrolle, Ewa Podles und ich. Gab es da vielleicht irgendwelche stimmliche Gemeinsamkeiten?" In der Tat, das kann man nicht behaupten. Herbert Wernickes Düsseldorfer Händel-Inszenierung ist inzwischen in Barcelona gelandet und begeistert mit ihrer heiter-inspirierten, aber keineswegs läppischen Leichtigkeit das Publikum. Die drei nach Aussehen, Ausstrahlung und Stimme so unterschiedlichen Damen bestreiten einen Abend der vokalen Meisterleistungen. Neben dem Star Orgonasova ist es vor allem Frau Kasarova, die in ihrer Hosenrolle des Ruggiero eine famose Bühnenpräsenz zeigt. Sie mimt den verzauberten jugendlichen Liebhaber und salutiert am Ende mit schwungvoller Geste ins Publikum. „Also, heutzutage wird uns Sängerinnen viel mehr abverlangt. Früher standen dicke Primadonnen wie festgenagelt an der Rampe und durften sich auf ihre Arien konzentrieren. Heute verlangt die Regie Beweglichkeit, Aktion und bisweilen ungewöhnliche Posen. In der ‚Alcina' etwa klettere ich auf dieses goldene Frauenbein und singe meine Arie in vier Meter Höhe. Da wird die Luft schon dünn!"

Wer die Kritiken der Kasarova studiert, stösst überwiegend auf Zustimmung - nicht nur wegen ihrer stimmlichen Qualitäten, sondern auch dank ihres schauspielerischen Talents. Fast scheint es, als fühle sie sich in Hosen am wohlsten. Grund wohl auch für abstruse Gerüchte, die seit ein paar Jahren kolportiert werden: Die Bulgarin sei ein herber Typ, trage nur Armani-Anzüge und rauche Zigarre. In Wirklichkeit ist sie zierlich, von mädchenhaftem Charme und strahlt vor Weiblichkeit. „Der Mann auf der Bühne macht mir aber wirklich Spass!" Wir Mezzosoprane sind nun mal die Erben der Kastraten und von Händel bis Rossini mit jeder Mege Hosenrollen gesegnet. Es ist toll, mal ein cooler Typ zu sein, ein pubertärer Heißsporn oder ein tragischer Held."

Mezzo ist in, so scheint es. Lang ist die Liste der neuen Mezzo-Stars, fast länger als die der Soprane. Und wenn man sie so reden hört, Cecilia Bartoli, Jennifer Larmore und jetzt die Kasarova: Allesamt wirken sie selbstbewusst, unverzickt und prodessionell. Von wegen „Seconda Donna", von wegen zweites Glied: „Die grossen Rollen des Verismo haben das Klischee der Diva geprägt. Das sind meist Sopranpartien. Da es aber die klassische Glamour-Diva nicht mehr gibt, ist auch die alte Rangordnung weg. Wir sind Profis."

Experimente in Richtung Sopran, wie sie die Kollegin Bartoli wagt, sind für die Bulgarin nicht drin. „Ich habe die hohen Töne durchaus. Aber es sind einzelne Perlen, die ich poliere und im richtigen Moment strahlen lasse. Die Massenproduktion funktioniert nicht. Und ausserdem habe ich ein gesundes, tiefes Register. Kein Grund, es zu vernachlässigen."

Trotzdem hat sie ihr Repertoire vergrössert - Schritt für Schritt. Nach ihrem sensationellen Pariser Erfolg in Bellinis „I Capuleti e i Montecchi" öffnete sich eine weitere Tür für die Kasarova; ihre Stimme verfügt über handfestes dramatisches Potential. Für die Zukunft könnte sie sich auch eine Eboli in Verdis „Don Carlos" vorstellen.

Früher oder später fällt in jedem Interview natürlich auch die Frage nach der Carmen. „Klar!", kommt es wie aus der Pistole geschossen, „irgendwo auf meinem Lebensplan steht sie. Aber, ehrlich gesagt, so wie die ‚Carmen' heute aufgeführt wird, kann sie mir gestohlen bleiben. Diese abgeschmackte Nummer mit der flotten Bordsteinschwalbe im Flamenco-Fummel ist mir zu platt. ‚Carmen' ist eine Figur, die Bizets Zeit weit voraus war. Eine Frau mit Selbstbewusstsein, Stolz und grossem Ego. Damals empfand man sie natürlich als Hure, und dieses Image ist sie nie wieder losgeworden. Ich warte auf die richtige Inszenierung."

Mehr als 50 Auftritte pro Jahr mutet sich Vesselina Kasarova ohnehin nicht zu; ein Luxus, den sie sich nur dank zahlreicher lukrativer Angebote erlauben kann. Die „Rosina für alle Lebenslagen", das war einmal. Jetzt lebt sie mit ihrem Mann in Zürich und hat noch einen zweiten dazubekommen, der ihr total den Kopf verdreht. Er heisst Yves und ist ihr grösster Fan - zumindest, wenn es um frische Windeln, Wiegenlieder und Streicheleinheiten geht.


© Schweizer Familie, Nr. 21, 27. Mai 1999, Seite 114, Daniel Schnurrenberger

Persönlich

Vesselina Kasarova zählt zu den besten und gefragtesten Mezzosopranistinnen der Welt. Die 33-jährige Schweizerin bulgarischer Abstammung lebt seit sechs Jahren in der Nähe Zürichs. Vor kurzem hat sie ihre achte CD - mit Rossini-Arien und -Duetten - veröffentlicht.

Wie würden Sie einem Fremden Ihr Äusseres beschreiben?

Im täglichen Leben habe ich viele Gesichter. Ich bin scheu, aber auch offen; melancholisch aber auch, wie mein Name im Bulgarischen bedeutet, fröhlich. Auf der Bühne habe ich - Gott sei Dank! - Nerven aus Stahl.

Was macht Sie einzigartig?

Vielleicht, wie mir oft bescheinigt wird, dass ich nicht einfach Noten singe, sondern musiziere und mit Farben die verschiedensten Gefühle zu gestalten versuche.

Auf welchen Luxus möchten Sie nie verzichten?

Materielle Dinge bedeuten mir nichts. Aber ich wünschte, ich könnte, in welcher Stadt auch immer ich auftrete, im meinem eigenen Bett schlafen.

Wie wohnen Sie?

Mein Zuhause ist mir sehr wichtig; hier erhole ich mich. Denn die meiste Zeit bin ich «on the road». Und auch wenn ich in den tollsten Städten wie Chicago, New York, Salzburg, London oder Paris auftrete, so vermisse ich immer Zürich und den Zürichsee.

Was ist Ihr ganz persönlicher Alptraum?

Dass meiner Familie etwas zustossen könnte.

Was treibt Ihnen die Schamröte ins Gesicht?

Komplimente.

Was bedeuten Ihnen Ruhm und Rampenlicht?

Ich geniesse sie, ohne davon abhängig zu sein. Mit Ruhm und Rampenlicht verbinde ich aber auch Disziplin und harte Arbeit.

Wer ist Ihr bester Freund?

Mein Mann.

Welches ist das schönste Kompliment, das Ihnen je gemacht wurde?

In Wien wartete einmal nach einer Vorstellung ein Mann, der an den Rollstuhl gefesselt war, und sagte, ich hätte ihm einen unvergesslichen Abend bereitet.

Mit wem möchten Sie nie in einem Lift stecken bleiben?

Mit jemandem, der noch mehr Angst als ich hat, dass so etwas passieren könnte! Das kommt daher, dass in Bulgarien die Lifte meist in einem wenig Vertrauen erweckenden Zustand sind. Sie funktionieren tadellos, aber eben ...

Was bedeuten Ihnen Kinder?

Alles! Ich kann das nicht erklären, aber ich weiss, dass mich jede Mutter versteht.

Was bringt Sie in den siebten Himmel?

Wenn mein Sohn Yves Lucien lacht.

Was bringt Sie auf die Palme?

Dickköpfige, sture Leute, die nicht fähig sind, eine andere Meinung nur schon anzuhören. Meistens haben sie nicht einmal recht! Und dann gibt es Dirigenten, welche Oper dirigieren, aber keine Ahnung von der menschlichen Stimme haben.

Wie lautet Ihr Lebensmotto?

Natürlich und bescheiden bleiben.

Welche Fähigkeiten hätten Sie gerne?

Ich bewundere Ballettänzer und -tänzerinnen. Sie müssen sich voll und ganz ihrer Kunst unterordnen, und doch ist ihre aktive Karriere zeitlich sehr kurz. Für mich persönlich wünschte ich, etwas ruhiger zu sein und mehr Kontrolle über meine Emotionen zu haben.

Was nehmen Sie mit in die Badewanne?

Meinen Sohn natürlich!

Mit wem träfen Sie sich gerne zum Tête-à-tête?

Mit Wolfgang Amadeus Mozart, dem Genie schlechthin und dem Meister in der Umsetzung von Gefühlen in Musik.

Welchen Moment möchten Sie noch einmal erleben?

Aus beruflicher Sicht mein Rollendebüt als Sesto in Mozarts «La clemenza di Tito» an den Salzburger Festspielen 1997.

Was würden Sie gerne erfinden?

Das Naheliegendste wäre ein Medikament, das uns Sängerinnen immun gegen alle Arten von Erkältungen machen würde.


© Takt, Nr. 8, Mai/Juni 1999, Seite 4 - 8, Oswald Beaujean

Schönheit und Natürlichkeit

Porträt Vesselina Kasarova

Im März 1992 sprang sie buchstäblich in letzter Sekunde für eine erkrankte Kollegin ein und rettete in München einen Liederabend. Die 27jährige musste damals von Wien aus im Taxi anreisen - ein Flug war sechs Stunden vor Konzertbeginn nicht mehr zu bekommen. Der Abend wurde zum Triumph der jungen, völlig unbekannten Mezzosopranistin, die dann 1995 neben Edita Gruberova in Donizettis Anna Bolena die Giovanna Seymour sang. Jetzt kehrt Vesselina Kasarova ans Nationaltheater zurück: In Mozarts La clemenza di Tito verkörpert sie den Sesto - eine ihrer geliebten Hosenrollen.

Die besitzen einen eigenen Reiz für die Bulgarin, weil sie eine ganz bestimmte Darstellung, eine eigene Ästhetik, eine besondere Körpersprache und Eleganz erfordern. Natürlich sind Hosenrollen zentral im Repertoire einer jungen Mezzosopranistin, und doch singt Vesselina Kasarova solche Männerpartien besonders gern, weil sie darin nie Gefahr läuft, einfach das zu verkörpern, was sie ist. In einer Männerpartie beobachtet sie sich noch genauer, kontrolliert ihr Spiel intensiver - das ist eine grössere Herausforderung. Und Vesselina Kasarova liebt Herausforderungen. „Ich fühle anders, weil die Gefühle eines Mannes andere sind. Deshalb singe ich auch mit anderen Farben. Sesto beispielsweise ist eine reiche Partie mit einer breiten Gefühlspalette. Da lässt sich allein mit der stimmlichen Darstellung so viel zeigen, die Romantik, die Tragik dieser Figur, einfach alles." Kontrolle des eigenen Spiels und die Darstellung von Emotionen - erlaubt sie sich Gefühle auf der Bühne, oder sind ihre Figuren ganz aus dem kontrollierten Kalkül gestaltet? „Man muss eine Balance finden. Wenn nur der Kopf im Spiel ist, ist das natürlich schlecht, aber zuviel Gefühl darf auch nicht beteiligt sein. Man muss das genau kontrollieren."

Natürlich wirken ist das Wichtigste

Weniger Emotionen bringt sie deshalb nicht ein. Aber sie weiss genau, was sie ausdrücken will, möchte genau verstehen, worum es geht, überlegen, wie sie in einer bestimmten Situation reagieren würde. „Natürlich ist Oper unrealistisch, aber ich versuche, realistisch zu reagieren, nicht übertrieben. Allenfalls spiele ich eine Spur intensiver, als ich es in der Realität tun würde, weil die Distanz zwischen Bühne und Publikum die Gesten und Bewegungen abschwächt. Aber man sollte immer natürlich wirken, das ist das Wichtigste." Absolut natürlich ist sie auch im Gespräch - frei von Allüren, freundlich, fast bescheiden, einfach extrem sympathisch. Die musikalische Ausbildung in ihrer Heimat war exzellent. Früh erkannten die Eltern ihr musikalisches Talent, mit vier Jahren erhielt sie Klavierunterricht, und in der Grundschule stand das Klavierspiel ebenso im Zentrum wie auf dem Gymnasium, das sie mit dem Konzertdiplom abschloss. Doch die Stimme faszinierte sie von jeher, als Pianistin arbeitete sie immer auch mit Sängern. „Ich wusste, dass es etwas Aussergewöhnliches ist, zu singen. Die Stimme ist das einzige Instrument, zu dem wir keinen Kontakt haben, alle anderen können wir anfassen. Für die Stimme braucht man enorme Intuition - und Gesundheit." Trotzdem begann sie erst mit achtzehn Jahren am Konservatorium in Sofia eine fünfjährige, für sie ideale Gesangsausbildung. Noch heute schwärmt sie von ihrer Lehrerin Ressa Koleva, die ein absoluter Glücksfall für die junge Sängerin war und bis heute ihre einzige Lehrerin geblieben ist. „Es gibt tolle Lehrer, aber nicht jeder Sänger kann mit ihnen arbeiten - ein psychologisches Problem und ein sehr individuelles. Das gute Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler ist entscheidend." Schon während ihres Studiums trat sie in Sofia an der Oper auf, 1989 folgte nach einem Wettbewerbserfolg in Gütersloh ein Engagement an die Züricher Oper, 1991 an die Wiener Staatsoper.

Zum Gesangsstudium gehörte ein intensiver Schauspielunterricht, was Vesselina Kasarova für zentral hält. „Für heutige Regiekonzepte reicht es nicht zu singen, man muss spielen, das ist genauso wichtig - für mich persönlich ohnehin. In Momenten, die nicht gut inszeniert sind und in denen ich nicht genau weiss, was ich tun soll, singe ich auch nicht so gut." Ein wechselseitiger Prozess also: Die Bewegungen entwickeln sich aus der Musik, doch sie beeinflussen auch den Gesang.

Zu den Proben erscheint sie mit genauen Vorstellungen, nicht nur bei Werken, die sie schon einmal gemacht hat. Für sie steht alles in der Partitur, doch sie kennt auch keine Scheu vor Aufnahmen von Kollegen, um einen Gesamteindruck von dem Werk zu bekommen. Trotzdem versucht sie zu vergessen, was sie zuvor gemacht hat, wenn sie ein Stück mit einem neuen Regisseur einstudiert. „Die Bewegungen, die Körpersprache müssen völlig neu sein, schon weil die Kostüme andere sind." Insgesamt hat sie eher gute Erfahrungen mit Regisseuren gemacht - vielleicht auch, weil sie intensive Proben nicht scheut, mögen sie auch viel Kraft kosten. „Natürlich sind manche Regisseure schwierig, aber es gibt auch schwierige Sänger, die von Anfang an zu allem nein sagen. Ich versuche zunächst einmal, umzusetzen, was man von mir fordert. Und manchmal war es durchaus so, dass Dinge, die mir zunächst grosse Sorgen machten, im Endeffekt geholfen haben. Erst wenn ich sehe, dass etwas wirklich unmöglich ist oder auf meine Kosten geht, suche ich nach anderen Lösungen."

Singen als Hochleistungssport

Ihre Partien wählt die 34jährige sorgfältig und auch vorsichtig aus, übernimmt grundsätzlich keine, von denen sie glaubt, sie kämen zu früh oder wären - noch - zu dramatisch. Mit wachsendem Erfolg wächst auch ihr Respekt. „Singen ist ein Hochleistungssport, und auf der Bühne sind auch die leichtesten Partien schwierig. Wem soll ich etwas beweisen? Sicher wird irgendwann Carmen kommen, nach der ich dauernd gefragt werde, doch vieles kann warten. Man muss Risiken eingehen, aber kontrolliert, die Gefahr ist ohnehin gross genug für Sänger. Ein anderer Mezzo in meinem Alter kann vielleicht eine Partie singen, die ich jetzt noch nicht singen sollte. Das ist alles so individuell, genau wie im Leben. Eine Stimme ist eine Persönlichkeit, sie ist die Seele, sie ist alles."

Deshalb sollen Mozart und Rossini immer im Zentrum ihres Repertoires stehen. Es wird Ausflüge ins französische Repertoire geben, auch der Belcanto soll weiter eine Rolle spielen, aber sie will immer wieder zu Mozart zurückkehren. „Ich möchte nicht, dass meine Stimme ihre Beweglichkeit und Leichtigkeit verliert, möchte niemals ein bestimmtes Repertoire singen müssen, weil ich das jetztige nicht mehr singen kann."

Mozart ist der genialste Komponist

Daneben ist es ihr aber vor allem wichtig, dass ihre Rollen sie auch schauspielerisch reizen. Sesto ist eine solche Partie, oder Bellinis Romeo. Vesselina Kasarova hat Cenerentola gesungen, eine attraktive Gesangspartie mit enorm effektvoller Schlussarie. „Aber darstellerisch? Die Charlotte in Massenets Werther ist viel spannender, obwohl sie keine Titelpartie ist. Es geht mir nicht um ein paar herausragende Gesangsnummern, sondern darum, einen Charakter darstellen zu können, seine Entwicklung zu zeigen.

Natürlich war es nicht immer einfach, Partien abzulehnen. Gerade slawische Stimmen werden gerne ins dramatische Repertoire gezwängt, ein unausrottbares Vorurteil, denn auch diese Stimmen dürfen nicht zu jung sein. Vesselina Kasarova sucht nach den leisen, den Zwischentönen, pflegt ganz bewusst die Kultur des Piano und Mezzavoce. Deshalb hält sie Mozart für den genialsten Komponisten überhaupt. Niemand habe im leisesten Piano mit derart wenigen Mitteln eine solche Intensität und Dramatik erzeugt. „Mozart ist überhaupt nicht leicht - im Sinne von lyrisch. Er ist enorm dramatisch, wenn auch auf ganz natürliche Weise. Das ist wie im täglichen Leben, manchmal ist man traurig, aber man schreit deswegen nicht, man zieht sich zurück und will allein sein. Genau so drückt Mozart Gefühle aus - völlig natürlich.

Immer positiv denken und leben

Natürlichkeit und Schönheit - für Vesselina Kasarova muss Musik immer schön bleiben. Vor allem will sie nicht gegen ein lärmendes Orchester anschreien, nicht brüllen, sondern musizieren. „So sollte es immer sein, nicht nur im Belcanto, sondern auch bei Wagner. Es ist enorm wichtig, mit wem man singt, und vor allem, wer am Pult steht. Falsche Tempi und Dynamik können auch in einer ganz einfachen Partie sehr müde machen. Leider gibt es nur wenige Dirigenten, die die Sänger wirklich lieben. Ivor Bolton, mit dem ich hier zum ersten Mal arbeite, ist so jemand: ein toller Musiker und ein aussergewöhnlicher Mensch, bei dem man sich als Sänger wirklich wohlfühlt - das Wichtigste, wenn man auf der Bühne steht."

Pläne für die Zukunft gibt es genug, dazu gehört mehr Liedgesang, auch deutscher, ein Repertoire, für das sie sich viel Zeit gelassen, mit dem sie im Grunde erst vor zwei Jahren richtig begonnen hat. Liederabende liebt sie auch deshalb, weil sie so „unendlich viel intimer sind als eine Opernaufführung."

Rund fünfzig Abende im Jahr steht sie auf der Bühne oder dem Konzertpodium. Die Kommunikation zwischen ihr und dem Publikum ist ihr dabei immer wichtig. Das permanente Leben im Hotel, das dieses Leben mit sich bringt, akzeptiert die Künstlerin ganz nüchtern. Sie versucht, die Zeit sinnvoll auszufüllen, mit Spaziergängen, Lesen, dem Erarbeiten einer neuen Partie. Und sie geniesst es, an manchen Tagen ganz einfach nicht arbeiten zu müssen. „Ein grosser Luxus! Ich versuche immer, positiv zu denken und zu leben, bei allen Schwierigkeiten, die dazu gehören. Jetzt, mit meinem Baby, ist die seelische Belastung natürlich noch grösser. Aber ich möchte das Kind nicht mitnehmen, es braucht ein Zuhause und die gewohnte Umgebung. Dort hat es meine Mutter und vor allem meinen Mann."


© Le Monde de la Musique, Juni 1999, Georges Gad

La vie en mezzo-forte

Malgré des possibilités artistiques évidentes et des moyens vocaux impressionants, Vesselina Kasarova ne s'est lancée dans la carrière qu'avec prudence. Face au succès et à l'afflux (aussi inévitable que flatteur) des sollicitations de grandes scènes, cette jeune femme moderne garde, à trente-trois ans, la tête sur les épaules. Propos receuillis par Georges Gad.

« Respirer, quoi de plus naturel lorsque l'on chante ? » Au bout de dix ans d'une carrière déjà internationale, le parcours de Vesselina Kasarova reste atypique et résiste à la spirale des engagements tous azimuts et à l'accumulation systématique des rôles : « Récitals, concerts et opéras mélangés, je ne m'autorise jamais plus de cinquante représentations par an. Je repousse les pressions. Le succès ne me grise pas. » Pour cette jeune mère d'un petit garçon, la priorité reste la famille : « C'est la meilleure chose de la vie, le seul réconfort lorsque les choses ne tournent pas comme on le souhaite. »

C'est en 1989 que cette mezzo-soprano, née en Bulgarie, à Stara Zagora, devient membre permanent dans la troupe de l'Opéra de Zurich après avoir emporté la même année le concours des Nouvelles Voix de Gütersloh, en Allemagne. Outre la qualité des mises en scène, Zurich présente bien des avantages pour une jeune artiste lyrique. Chaque saison offre une moisson de rôles de second plan. « Dans cet univers protégé, j'ai pu aborder des personnages aussi divers qu'Annio dans La Clémence de Titus. Stéphano dans Roméo et Juliette de Gounod, Anna dans Les Troyens de Berlioz, Olga dans Eugène Onéguine de Tchaïkovski. Au Staatsoper de Vienne, où j'ai débuté en 1991, j'ai pu compléter cette formation et me ‘faire les dents' sur Fjodor de Boris Godunov, Pauline de La Dame de pique de Tchaïkovski, Bersi dans Andrea Chénier de Giordano. Par la suite, j'ai interprété à Vienne Chérubin des Noces de Figaro de Mozart, Meg Page dans Falstaff de Verdi ... Petit à petit, j'ai inscrit trente-six rôles à mon répertoire. On apprend à vivre sur scène, on découvre rôles et collègues. C'est le seul moyen d'acquérir une expérience qui permet de savoir dans quel type de répertoire on est le plus à son avantage. Aujourd'hui, je retourne régulièrement à Zurich pour y préparer un nouveau rôle, par exemple La belle Hélène d'Offenbach, que je chante sous la direction d'Harnoncourt. Là-bas les conditions de travail sont toujours chaleureuses. »

"L'ambiguïté d'une femme en habit d'homme est plus troublante"

C'est toute jeune que Vesselina Kasarova commence sa formation musicale dans son pays natal. Initialement, son rêve est de devenir pianiste, mais après douze années d'études, le chant l'attire. Avant même qu'elle achève ses études au Conservatoire de Sofia, l'Opéra national l'engage. Ses premiers rôles y sont Rosine dans Le Barbier de Séville de Rossini, mais aussi Dorabella dans Così fan tutte de Mozart, Fenena dans Nabucco et Preziosilla dans La Force du destin de Verdi.

Avec un timbre dont l'autorité est naturelle, une absence remarquable de sophistication et une grande agilité vocale, Kasarova s'est imposée dans Rossini. RCA Victor propose aujourd'hui le nouvel album de sa mezzo vedette, consacré aux airs et duos d'opéras de ce compositeur, où la voix extrêmement grave de Kasarova laisse une empreinte très personelle, en dépit de la concurrence. « J'aime Rossini, j'aime les rôles travstis. Lorsqu'on est mezzo-soprano spécialisée dans le bel canto, cela tombe bien ! Le pantalon n'est pas le carcan que beaucoup imaginent. Il est bien plus délicat pour un homme d'interpréter un personnage féminin ! Même si, jusque dans l'art lyrique, le jeu dramatique est primordial, on ne parle pas dans notre métier d'"incarnation". Mes consœurs et moi savons bien que l'opéra est plus que toute autre expression assujetti à une convention dramatique, et je ne prétends pas donner le change ; mais l'ambiguïté d'une femme en habit d'homme est une chose plus subtile, plus troublante. Après tout, c'est la femme qui donne la vie ! Au point de vue de l'aspect physique, c'est un peu particulier : le costumier doit faire preuve d'imagination ou de compréhension à notre égard ! »

Ne peut-on craindre à la longue une lassitude ? « Si, et c'est pour cela qu'il faut se donner des objectifs, penser au futur et ne pas griller toutes ses cartouches en quelques années : Arsace dans Semiramide, par exemple, qu l'on m'a déjà réclamé plusieurs fois, est un rôle que je réserve pour l'avenir ... Tout dépend de ce que vous désirez chanter : si ce sont les grands Verdi et Carmen qui vous intéressent, la démarche est différente. Pour moi, l'essentiel est de maintenir ma voix dans son état actuel. Je tiens avant tout à préserver sa souplesse. »

La réputation aidant, et pour éviter les déconvenues, Kasarova préfère réfléchir à son répertoire et faire des choix. « Cela n'interdit pas la fantaisie : Otello, par exemple ! Rossini a composé le rôle pour un ténor, mais au XIXe siècle, les divas donnaient des soirées spéciales, résérvées à leurs admirateurs. Maria Malibran a chanté des extraits du rôle d'Otello au cours d'un concert de ce genre. J'ai voulu, dans mon dernier enregistrement, renouer avec cette tradition, ce qui ne serait pas possible à la scène. Dans son intégralité, un tel rôle est trop sombre, trop violent. J'ai choisi le duo entre Otello et Rodrigo qu'interprète le jeune ténor Juan Diego Flórez.

"Je ne connais pas de divas. Mais je connais Jennifer et Cecilia"

Vesselina Kasarova aime retrouver sur disque ses partenaires à la scène. « Cela ne m'aide pas à dominer plus aisément les difficultés techniques, mais me permet de mieux travailler les contrastes, de nuancer les couleurs. » Ainsi collabore-t-elle depuis plusieurs années avec la soprano Edita Gruberova. Ensemble, elles ont gravé, entre autres, Beatrice di Tenda de Bellini. Kasarova compare volontiers Bellini à Mozart. Interprète de Roméo dans I Capuleti e i Montecchi (on se souvient de sa participation à la production de l ‘Opéra-Bastille et de l'enregistrement paru chez RCA), elle a aussi beaucoup chanté Sesto de La Clémence de Titus, deux personnages avec lesquels elle a beaucoup d'affinités : « J'aime cette combination de bravoure et d'élégance. On présente trop souvent ces personnages comme des adolecents au comportement irresponsable ; je préfère voir en eux des héros positifs. Dans la vie, je suis une personne constructive. »

Kasarova vient de remporter à Barcelone un triomphe en Ruggiero d'Alcina de Haendel. Est-ce là une première étape vers le répertoire baroque ? « Jules César ou Alcina, comme les œuvres de Gluck, sont malheureusement peu joués, et de plus en plus réservés à des ensembles spécialisés dans la musique baroque. De toute manière, il n'y a que quelques metteurs en scène capables d'offrir une vision à la fois noble et profonde d'Orphée et Eurydice. Avec Haendel, je prends des libertés, la dynamique est plus importante que la mesure. Le compositeur fait particulièrement confiance aux interprètes. Je travaille seule, mais je suis attentive aux indications du chef d'orchestre. »

Compte tenu de ses facilités vocales, a-t-elle envie de flirter avec le répertoire de soprano ? « On ma proposé Iphigénie en Tauride, mais c'est dangereux. Non que je refuse de courir un risque : on devrait être en mesure d'accepter un rôle comme celui-ci pour une série limitée de représentations. Mais si vous chantez un rôle ne serait-ce qu'une fois, a fortiori avec succès, on vous le demande partout, et si vous refusez, vous risquez de fâcher les directeurs. L'opéra baroque a besoin d'intimité. Je ne déteste pas non plus chanter avec des instruments anciens, c'est plus confortable pour la voix et favorise la beauté du timbre. » Le répertoire français n'est pas encore à l'ordre du jour. « J'ai interprété Charlotte de Werther à Zurich en 1996. Un jour, j'alternerai le répertoire italien avec Carmen. Pour Samson et Dalila de Saint-Saëns, nous verrons plus tard. »

Cecilia Bartoli chez Decca, Jennifer Larmore chez Warner, Olga Borodina chez Philips, Angelica Kirchschlager et Susan Graham chez Sony, Anne Sofie von Otter chez Archiv et DG : notre époque ne manque pas de voix graves. La rivalité est-elle stimulante ? « Chacune de nous a sa manière d'aborder un personnage. Cela aiguise la curiosité du public et le fidélise en même temps. Cela nous évite aussi de nous reposer sur nos lauriers. Plus que de rivalité, on peut parler d'enrichissement. Je ne connais pas de divas. En revanche, je connais Jennifer et Cecilia. Je les respecte d'autant plus que je partage leurs problèmes. Lorsque nous nous rencontrons, ce n'est pas pour discuter profession ou technique vocale. Nous échangeons des recettes de cuisine ou parlons de notre vie privée. »

Que réserve l'horizon 2000 à Vesselina ? « Octavian dans Le Chevalier à la rose au Metropolitan Opera de New York. Ce seront là mes premiers pas dans le répertoire straussien. » En revanche, le complet-veston du Compositeur d'Ariane à Naxos restera au placard, lui ! » Sa personnalité ne m'intéresse pas. Je travaille aussi à approfondir mon répertoire de lieder. Brahms a composé les plus belles mélodies pour la voix de mezzo, mais j'aime aussi Schubert et Schumann. Dans ce domaine, je compte bien me plonger dans le répertoire français. En attendant, je songe à apprendre La Favorite de Donizetti. »


© classica, Juni 1999, Seite 34 - 35, Cristiana Perio

Le goût bulgare

La mezzo-soprano Vesselina Kasarova fait partie de la « troisième génération » des rossiniennes - après le règne des Marilyn Horne et Lucia Valentini-Terrani. Un nouveau disque Rossini accompagne sa venue à Paris, pour un récital.

Née à Stara Zagora, Vesselina Kasarova grandit en Bulgarie. « Mes parents n'étaient pas musiciens mais ont toujours aimé l'opéra et la musique. Je ne me souviens pas particulièrement comment je me suis convertie à la musique, car elle a toujours été présente et fait partie de ma vie. » La découverte de l'opéra et de la voix s'est donc imposée, vers l'âge de dix-huite ans. « Je voulais devenir pianiste. J'étudiais le piano depuis un certain temps déjà, je travaillais donc avec des chanteurs. Un jour l'un d'entre eux m'a dit : "Tu sais que tu as une jolie voix, pourquoi n'essaies-tu pas de la travailler ?" Je dois dire que je n'éprouvais pas un grand respect pour les chanteurs ... Leur caractère, leur façon de se mettre en avant, leur ego ... Jamais auparavant, je n'aurais imaginé devenir une chanteuse d'opéra. » De sa Bulgarie, qui a tout de même donné à l'opéra quelques-unes les voix les plus sculpturales de ce siècle - Boris Christoff, Nicolai Ghiaurov -, Vesselina garde d'excellents souvenirs : « Les conditions pour faire de la musique furent idéales. La musique et le sport, d'ailleurs, n'ont jamais été contrariés par la politique. La Bulgarie compte huit millions de personnes - comme tout Paris ! - et beaucoup de talents. »

Au Conservatoire de Sofia, Vesselina travaille donc, avec Ressa Koleva, sa tessiture naturelle de mezzo - une voix fluide, fraîche, déliée et agile, capable d'envolées dans l'aigu dignes des sopranos, dotée néanmoins de graves corsés et sombres - et commence à interpréter des rôles importants à l'Opéra National de la ville. En 1989, elle devient membre de l'Opéra de Zurich et reçoit le Premier Prix au concours « Neue Stimmen » de Gütersloh en Allemagne. L'année 1991 marque le début de sa carrière internationale ; elle se produit peu à peu à Genève, Vienne, Florence, Barcelone, Berlin, Londres, Amsterdam, Munich, aux Festivals de Bregenz et de Salzbourg, où elle interprète plusieurs rôles mozartiens. En 1996, elle remplace Marilyn Horne au pied levé, lors d'un recital à la Salle Gaveau. Triomphe absolu. Paris est à ses pieds. Le miracle se reproduira quelques mois plus tard, quand la Bastille l'invitera dans Roméo des Capuleti de Bellini. La voix, à laquelle le disque ne conférit qu'une timide projection, sonne enfin volumineuse et autoritaire, tandis que l'interprète, que l'on croyait aussi discrète que son doux physique à la garçonne, se libérait soudainement et brûlait les planches. Un tempérament de feu, une présence péremptoire, digne héritière de Marylin Horne et parfois jumelle de la mezzo française Martine Dupuy, sa plus proche parente.

Depuis, Vesselina Kasarova court le monde, enchaîne rôle sur rôle, sans trop se poser de questions sur ses choix et l'orientation de sa carrière. Qu'elle travaille avec Patrice Chéreau sur Zerlina ou avec Riccardo Muti dans Les noces de Figaro, ces étapes essentielles se franchissent tout naturellement, avec bonheur. Mozartienne et rossinienne boulimique hier, elle inscrit désormais Offenbach (La Périchole) parmi la panoplie exponentielle de ses nouveaux personnages - auxquels s'ajoutera bientôt Octavian du Chevalier à la rose de Richard Strauss.

L'agenda de la chanteuse, plein à craquer jusqu'en ... 2004, laisse peu de place à celui de la femme. Sa vie ? La famille, le bébé qu'elle vient juste d'avoir. Ses passe-temps ? « Lire, me promener, faire la cuisine pour mes amis ... » Ecouter de la musique ? « Ma vie est à tel point remplie des rôles et de leurs notes que chaque nouveau personnage l'absorbe tout entière. De la musique, j'en écoute peu. Mais un bon rock chiadé, des concertos sympas, j'aime bien ... »

Réfléchir sur l'opéra, sur le répertoire, avoir du recul sur sa carrière n'est pas le point fort de Vesselina : « Je ne me vois ni me projette dans quinze ou vingt ans. Je chante, et je dois seule savoir ce que j'ai à faire. Dans le chant, je crois beaucoup à l'intuition. Je reste toujours positive et optimiste, et me réjouis de chaque projet. Tout nouveau rendez-vous a son importance. Il ne se passe pas un jour sans que je réalise la chance que j'ai de faire ce métier. Depuis deux, trois ans, je me rends compte des progrès que j'ai accomplis : plus d'expressivité dans les détails, plus de couleurs. »

Le mot diva ? Un compliment, sans doute, mais étranger à son vocabulaire. Mais qu'a-t-elle en commun avec les autres chanteurs ? Peu de choses, à vrai dire. « Le milieu de l'opéra me plaît moyennement ; je m'y sens presque étrangère. Je suis d'ailleurs. » Rien de surprenant, finalement, quand elle avoue que la Charlotte de Werther est son personnage préféré : « Je ressens, je comprends ce qu'est Charlotte. Elle est romantique. Et forte. A la fois forte et peu sûre d'elle. Positive. »


© Klassik heute, 7/99, Seite 10 - 13, Ekkehard Pluta

Virtuosa mit Herzenstönen

Die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova

Zehn Jahre sind vergangen, seit die Studentin aus Stara Zagora den Gesangswettbewerb in Gütersloh gewann und in Zürich ihr erstes Festengagement erhielt. Sieben Jahre, seit sie bei den Salzburger Festspielen als Einspringerin für Marilyn Horne in Tancredi den internationalen Durchbruch schaffte. Von einem „Senkrechtstart" darf man dennoch nicht reden, denn die sich rasch entwickelnde Karriere basierte auf dem Fundament einer langen und gründlichen Ausbildung und einer hinreichenden Reifezeit. Bereits mit vier Jahren erhielt sie ihren ersten Klavierunterricht, den sie später mit dem Ziel, Pianistin zu werden, intensivierte. Erst mit 18 entschied sie sich dann für den Gesang, erwarb aber an der Hochschule in Sofia, wo Ressa Koleva ihre Lehrerin war, zugleich das Klavierdiplom. Daneben nahm sie fünf Jahre lang auch Schauspielunterricht, um die Balance zwischen musikalischer und körperlicher Darstellung zu finden. Diese Balance ist heute ein besonderes Markenzeichen ihrer Bühnenkunst.

Bevor Vesselina Kasarova in den Westen kam, hatte sie in Sofia bereits Dorabella und Rosina gesungen und in einer Sony-Produktion der Pique Dame in der kleinen Charakterrolle der Gouvernante mitgewirkt. Auch in Zürich gab es zunächst nicht nur grosse Aufgaben. Aber selbst in Partien wie Wellgunde, Paulina in Pique Dame und Bersi in Andrea Chenier konnte sie sich profilieren. Bereits 1991 erhielt sie ein Engagement an die Wiener Staatsoper, wo sie dann nur noch das erste Fach sang. Nach dem erwähnten Salzburger Tancredi (den sie übrigens in weniger als drei Wochen einstudierte), begann durch den Schallplattenvertrag mit RCA ein neuer Abschnitt in ihrer Laufbahn, der es ihr ermöglichte, ab 1993 freiberuflich zu arbeiten. Zürich blieb jedoch ihr Wohnsitz und das dortige Opernhaus kann sie in schöner Regelmässigkeit in alten und neuen Rollen begrüssen.

Einstieg in die Barockoper

Ich begegne der Künstlerin in Barcelona, dem Geburtsort ihrer grossen Stimm-Ahnherrin Conchita Supervia, wo sie am Teatre del Liceu nach kurzer Babypause - im November wurde ihr Sohn Yves geboren - als Ruggiero in Händels Alcina erstmals wieder auf der Bühne steht. Diese Händel-Rolle ist ihr erster und auf Anhieb überzeugender Vorstoss in das Terrain der Barockoper. Darstellerisch hatte Vesselina Kasarova diese Hosenrolle bis in die Fingerspitzen im Griff, sängerisch glänzte sie nicht nur durch fulminante Koloraturen, sondern auch - und speziell in der Arie Verdi prati - mit entspanntem, intimem Gesang. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Sängerin ihr Repertoire in den nächsten Jahren in diese Richtung noch erweitern kann und sollte, denn es gibt für ihre Stimme nicht nur bei Händel, sondern auch bei Monteverdi, Cavalli, Rameau noch viele interessante Aufgaben.
Eine besondere Attraktion der Aufführung in der katalonischen Hauptstadt war die Besetzung der Bradamante mit der polnischen Altistin Ewa Podles, die derzeit vor allem im Rossini-Fach eine der stärksten Konkurrentinnen von Vesselina Kasarova ist. Doch von einem Primadonnen-Wettstreit war nichts zu spüren. Die beiden Sängerinnen, die hier ein Liebespaar zu spielen hatten, übten sich in vorbildlichem Teamwork, warfen sich musikalisch wie szenisch die Bälle zu. Und es spricht für diese von Eitelkeiten freie Zusammenarbeit, dass Ewa Podles über ihre Kollegin nur das Beste zu sagen wusste.

Im Gespräch blüht Vesselina Kasarova sofort auf, wenn sie nicht nur über biographische Details, sondern über die Essentials ihrer Profession sprechen kann. Sie beherrscht das Deutsche fliessend und eloquent und agiert in der Diskussion sehr lebhaft und engagiert. Sie hat meinen Artikel über den Koloraturalt in «Klassik heute» gelesen (12/98), deshalb will ich ihre Meinung zu der alten Streitfrage, ob man bei dem hier beschriebenen Repertoire von „Alt" sprechen dürfe oder ob nicht - wie auch von Leserseite angemerkt - die Bezeichnung „Mezzosopran" korrekter wäre. Frau Kasarova ist mit mir der Meinung, dass eine solche Unterscheidung bei Rossini und der Belcanto-Oper keinen Sinn habe, denn die Primadonnen dieser Zeit verfügten über einen Stimmumfang von drei Oktaven und konnten vom Kontra-Alt bis zum Sopran (hohes C eingeschlossen) alles singen.

Ohne es zu ahnen, habe ich ihr mit diesem Einstieg gleich die Plattform geliefert, einen grossen Ärger abzuladen. Da sie alles liest, was über sie geschrieben wird - „Ich habe alle Fachzeitschriften abonniert" -, kam ihr auch eine englische Rezension der Capuleti-Aufnahme zu Gesicht, in der ihrem Romeo die echte Alt-Tiefe abgesprochen wurde. Und spontan orgelt sie in der tiefen Lage los, führt mir vor, dass es Naturtöne sind, die sie da ohne jeden Druck produzieren kann. Natürlich, so meint sie, müsse man Rollen wie Romeo mit einer ganz anderen Stimme singen als etwa den Cherubin, und es ist ihr Ehrgeiz und ihr Stolz, für jede Rolle eine eigene Stimmfarbe zu finden. Viele kritische Hörer wissen das zu schätzen, andere verstehen es einfach nicht: „Glauben Sie mir, es gibt in Ihrem Metier viele Leute, die nicht wissen, wovon sie sprechen!"

Es fällt auf, dass Vesselina Kasarova in den ersten zehn Jahren ihr Repertoire in engen Fachgrenzen gehalten hat und auch die Planung der nächsten fünf Jahre bestätigt den bisherigen Kurs. Im Zentrum stehen Mozart und Rossini, ergänzt durch einige Rollen bei Bellini und Donizetti sowie Offenbach und Massenet. Dabei hat es in den letzten Jahren nicht an Angeboten für Azucena, Amneris, Santuzza oder den Adriano in Rienzi gefehlt, die sie selbst auf die Gefahr hin abgelehnt hat, sich bei den Anfragenden für immer unbeliebt zu machen. Bei diesen Entscheidungen ging es weniger um die Grenzen der Stimme (über die reine Power für die genannten Rollen würde sie verfügen), sondern um das physische und psychische Bereitsein. Vesselina Kasarova betrachtet sich explizit als eine dramatische Sängerin, auch wenn sie nicht die Rollen singt, die man mit diesem Begriff verbindet, aber: Ein piano bei Mozart kann ungemein dramatisch sein."

Doch auch das Belcanto-Repertoire bietet nicht nur vokales l'art pour l'art, wie viele Verächter meinen, sondern fordert den Sänger zugleich von der darstellerischen Seite. Welche seelischen Facetten in den Figuren Bellinis und Donizettis sichtbar gemacht werden können, hat Vesselina Kasarova mehr als einmal vor allem als Romeo und als Giovanna Seymour in Anna Bolena unter Beweis gestellt. Die Münchner Produktion der Donizetti-Oper von 1995, die auch in diesem Festspielsommer wieder auf dem Programm steht, war ein Meilenstein auf dem Wege theatralischer Erschliessung des auf deutschen Bühnen lange verpönten Repertoires. Zugleich besiegelte sie die Idealpartnerschaft zwischen der Mezzosopranistin und der derzeitigen Primadonna assoluta des Belcanto, Edita Gruberova. Bereits 1992 hatte Kasarova an der Seite der slowakischen Diva in einer konzertanten Beatrice di Tenda mitgewirkt, die beim Label Nightingale auch auf CD veröffentlicht wurde, mittlerweile geben die beiden Sängerinnen regelmässig gemeinsame Konzerte.

Vesselina Kasarovas Terminkalender reicht im Augenblick bis zum November 2003, wo sie in Barcelona, wiederum mit Edita Gruberova, in Anna Bolena auftreten wird. Nach wie vor spielen Mozart und Rossini bei ihr die erste Geige: Titus in München, Idomeneo in San Francisco und im nächsten Jahr unter Michael Gielen bei den Salzburger Festspielen, wo sie unter Claudio Abbado auch die Dorabella singen wird. München und Paris können sich ihrer Italienerin in Algier erfreuen, in Wien und in Chicago erwartet man sie als Rosina im Barbier von Sevilla. Als Werthers Charlotte wird man sie in Zürich und in San Francisco erleben können. Daneben gibt es noch einige Romeos und Giovannas. Die wichtigste neue Rolle der nächsten Jahre wird der Octavian im Rosenkavalier sein, den sie im Oktober des nächsten Jahres gleich an prominenter Stelle, nämlich an der Metropolitan Opera, ausprobieren wird.

Doch auch in Richtung französische Oper will sie ihr Repertoire gerne erweitern. Einen Anfang macht sie bei den diesjährigen Salzburger Festspielen mit Marguerite in Berlioz' Damnation de Faust. Mignon wäre schön, aber auch Dulcinée oder die Muse in Hoffmanns Erzählungen, doch da liegen noch keine konkreten Angebote vor. Beschlossene Sache ist dagegen die Fortsetzung des erfolgreichen Offenbach-Zyklus unter Nikolaus Harnoncourt in Zürich. Auf La belle Hélène und La Périchole folgt 2002 Die Grossherzogin von Geroldstein, eine grosse Herausforderung für die Schauspielerin Kasarova.

Und Carmen? Schon seit ein paar Jahren wird ihr diese Rolle angetragen. Die Arien sowie das Schlussduett hat sie auch schon häufig im Konzert gesungen. Es gibt also keine musikalischen Vorbehalte. Doch die Sängerin sieht ein Problem darin, diese Rolle emotional zu meistern, sie in psychologischer Hinsicht transparent zu machen. Eine adäquate Darstellung kann sie sich nur im Zusammenwirken mit einer Regie vorstellen, die nicht den gängigen Klischees folgt. Für Vesselina Kasarova ist Bizets Oper die tragische Geschichte einer starken Frau und eines gewöhnlichen Mannes, der durch sein typisch männliches Verhalten seine Existenz einbüsst und am Ende in der Gewalt gegen die Frau die einzige Antwort auf seine selbstverschuldete Misere findet. Dieser feministische Aspekt der Rolle und des Stücks wurde interessanterweise auch von Teresa Berganza in den Vordergrund gerückt, als sie sich 1977 in Edinburgh an ihre erste Carmen heranwagte.

Neue Einspielungen

Im Rahmen ihres Exklusiv-Vertrages mit der Firma RCA ist in den letzten Monaten eine Reihe von neuen Aufnahmen entstanden, die den Ausnahmerang der Künstlerin bestätigen. Ein ausschliesslich Rossini gewidmetes Recital, erst vor ein paar Wochen auf den Markt gekommen, ist dazu angetan, das Geheimnis ihres Erfolges zu erklären. Es beruht in erster Linie auf der glücklichen Synthese von Spontaneität und Kalkül. Kasarova zeigt, dass sich Natürlichkeit und Kunstfertigkeit nicht ausschliessen müssen, bei aller Virtuosität singt sie immer „con anima" und gerade dadurch erweist sie Rossinis oft verkannte Grösse. Dass sie eher die Tradition Teresa Berganzas als die Marilyn Hornes fortsetzt, wird bei ihrer mädchenhaft anrührenden Cenerentola besonders deutlich, doch muss sie in den kraftvollen contralto-Hosenrollen des Arsace und des Falliero neben der grossen Amerikanerin nicht verblassen. Daneben präsentiert sie sich in den Sopranrollen der Armida und der Elena (Schlussrondo aus La donna del lago) und übernimmt in der Nachfolge Maria Malibrans sogar die Tenorpartie des Otello.

Bereits „im Kasten" ist auch eine Gesamtaufnahme des Werther, die im Herbst veröffentlicht werden soll. Und es ist sicher mehr als nur eine PR-Floskel, wenn Vesselina Kasarova bekennt, dass Charlotte mittlerweile ihre Lieblingsrolle sei. Die Fraulichkeit dieser Partie kommt ihrem warm strömenden Mezzo und ihrer hohen Emotionalität in idealer Weise entgegen. Im Juli 1996 hatte sie die Rolle in Zürich neben Francisco Araizas Werther erstmals auf der Bühne gesungen. Zwei Jahre später wirkte sie in der denkwürdigen konzertanten Aufführung an der Deutschen Oper Berlin mit, wo die 71-jährige Tenor-Legende Alfredo Kraus ihren unglücklichen Liebhaber nicht nur sang, sondern lebte. Ein ganz und gar anderer Werther stand ihr im Studio gegenüber, aber zugleich ein vertrauter Partner aus zahlreichen früheren Produktionen: Ramón Vargas, der sich mit Erfolg aus dem lirico-leggero-Fach hinausbewegt zu den grossen lyrischen Partien des italienischen und französischen Repertoires. Der Dirigent der Aufnahme ist ein Newcomer, der hochbegabte Vladimir Jurowski, derzeit noch koordinierender Erster Kapellmeister an der Komischen Oper Berlin, jedoch auf dem Sprung zu einer grossen internationalen Karriere. Die Sängerin ist voll des Lobes über seine detaillierte Vorbereitung der Produktion.

Noch ist dieser Werther nicht veröffentlicht, schon wird der nächste gemeinsame Coup von RCA und Vesselina Kasarova vorbereitet. Im April wurde in München die konzertante Aufführung von Donizettis La favorite mitgeschnitten, jenes Werk, mit dem der Meister aus Bergamo 1840 die französische Hauptstadt endgültig eroberte. Obwohl hierzulande nur in der italienischen Adaption bekannt, gilt es als ein Hauptwerk in der Gattung der Grand Opéra, wie sie von Komponisten wie Meyerbeer und Halévy vorgeprägt war. Die Rolle der edlen, in ihrer Liebe tragisch scheiternden Kurtisane Léonor war von jeher eine der Paraderollen grosser Altistinnen. Wieder ist Ramón Vargas der tenorale Liebhaber, Marcello Viotti ist der im Belcanto-Repertoire versierte Maestro.


© Festspiele Magazin, 1999, Seite 22 - 24, Anton Gugg

Ein Opernstar ohne Allüren

Sie bestellt nicht wie erwartet stilles Mineralwasser, sondern ein deftiges Bier und „Fleischpflanzerl", das Münchner Standard-Essen, und ist auch sonst alles andere als diva-like, obwohl Vesselina Kasarova weltweit zu den gesuchtesten „Primadonnen" gehört. Im Mai probte sie am Bayerischen Nationaltheater den „Sesto" in Mozarts „La clemenza di Tito" - jene Rolle, mit der sie auch bei den Salzburger Festspielen Kritik und Publikum begeisterte. Der „Star" wurde allerdings 1992 in der Felsenreitschule geboren, als die blutjunge Bulgarin für die grosse Marilyn Horne einsprang und sich in Rossinis „Tancredi" mit einer anderen Einspringerin eine veritable Koloratur-Schlacht lieferte. Spätestens seit damals war sich die Musikwelt bewusst: Die Opernbühne ist um ein zerbrechlich wirkendes, aber hinreissend temperamentvolles, höchst anmutiges, mit glutvoller Farb-Stimme und makelloser Technik begabtes Geschöpf reicher. Die Horne wurde an diesem Abend nicht mehr wirklich vermisst und auch nicht die absolute Koloratur-Königin Edita Gruberova, denn die Rumänin Nelly Miricioiu schlug sich mehr als tapfer.

„Die jungen Sängerinnen und Sänger von heute sind weit besser ausgebildet als die früheren Darsteller, sie wissen über ihre Rollen meistens sehr gut Bescheid und sind fast immer besser informiert als die Dirigenten, die manchmal wenig bis nichts über die Oper wissen", ist die begnadete Rollengestalterin überzeugt. Die Kasarova schätzt nichts mehr als ein „wissenschaftliches" Fundament freier künstlerischer Arbeit. Nicht zufällig verehrt sie den bevorzugten Pult-Partner Nikolaus Harnoncourt, Patrice Chéreau, mit dem sie in Salzburg arbeitete und das Ehepaar Herrmann, nach ihren Begriffen ein Ideal-Arbeitsgespann mit idealer Balance zwischen Gelehrtheit und poetischer Inspiriertheit.

„Ich freu' mich schon auf die Wiederaufnahme der Herrmann-Inszenierung von Mozarts „Titus" zur Wiedereröffnung von Covent Garden, für mich ist es ein Vergnügen, wieder mit diesen aussergewöhnlichen Opernmenschen zusammenzutreffen und ich finde es schlicht und einfach empörend, wie mache Zeitungen die Arbeiten der beiden abkanzeln und missachten. Ich arbeite immer gern mit Leuten, die sich etwas trauen und ihre Geschäfte verstehen und darum bin ich auch sehr gespannt auf „La damnation de Faust", wo ich die Marguerite singe und von den Inszenatoren La Fura dels Baus sicher in jeder Hinsicht gefordert sein werde. Ich finde Berlioz und überhaupt die französische Musik toll, weil sie so farbig und gefühlvoll ist und meinem Naturell und dem bulgarischen Fühlen generell so entgegenkommt. Im französischen Fach wird ein wichtiger Teil meiner künstlerischen Zukunft liegen", zeichnet Kasarova ihren Karriere-Kurs vor.

Die Stimm-Virtuosin hat es ganz in der Hand, beziehungsweise in der Gurgel, eigenwillig ihren Weg zu gehen. Sie kann sich Opernhäuser und Rollen aussuchen, kann es sich erlauben, Einladungen etwa aus Buenos Aires ans „Colon" abzulehnen, stattdessen einen Lieder/Arienabend mit der Gruberova einzuplanen, aufs russische oder sonstige Fächer ganz zu verzichten, weil ihr dies und das einfach nicht liegt und nicht das auslöst, was ihr am wichtigsten ist - nämlich das absolut authentische Gefühl, aus dem sie heraus Rollen gestaltet.

Vesselina Kasarova ist heute ein Star der Opernbühne. Sie kennt aber auch die andere Seite der Berühmtheits-Medaille. Für ihren erst einige Monate alten Sohn hat sie viel zu wenig Zeit und wohl auch für ihren bei Zürich lebenden Mann. Die Familie ist ihr heilig und den Beruf nimmt sie sehr ernst und das mag zu mancher Komplikation, innerlich wie äußerlich, führen - auch das Wissen um die Zustände im Heimatland Bulgarien. „Ich kenne die Armut und den Druck der Politik auf Künstler. Davon kann sich niemand hier im Westen eine Vorstellung machen, was in der Ostblock-Zeit passiert ist. Aber bei all dem bin ich sehr stolz, Bulgarin zu sein und dort eine sehr gute Ausbildung erfahren zu haben. Darum gebe ich Benefizkonzerte sooft ich kann. Was mich ärgert, ist allerdings der gewisse Hochmut, mit dem der Westen auf uns östliche Nachbarn herabschaut. Gerade aus meinem Land kommen immer wieder Sänger von grosser Bedeutung", ruft die durchaus selbstbewusste Künstlerin Namen wie Anna Tomowa-Sintow in Erinnerung.

„Ich kenne den ehemaligen Ostblock und habe nicht vergessen, wie es ist, noch nicht berühmt zu sein. Das gibt mir eine gewisse Basis im Leben, gerade im verwöhnten Westen mit seinen Verlockungen und Versuchungen. Man ist einfach weniger anfällig dafür", stellt die Pendlerin zwischen New York, Zürich, London und Wien fest.

Vesselina Kasarova haßt Eitelkeiten und Getue, im alltäglichen Leben und erst recht in der dafür so anfälligen Szene. Sie zieht sich ihre Jeansjacke über und ist auf dem Weg zur nächsten Probe - eine völlig unauffällige Person - das exakte Gegenteil von dem, was dann abends auf der Bühne erscheint.


© Oberösterreichische Nachrichten, 19. August 1999, Seite 7, Ludwig Heinrich

„Für mich ist Singen wie Sprechen"

Die 34-jährige Vesselina Kasarova singt heute in Berlioz' „La Damnation de Faust"

Ihr Stern ging 1992 bei den Salzburger Festspielen auf. Damals sprang die junge Bulgarin Vesselina Kasarova (am 18. Juli wurde sie 34 Jahre) in Rossinis „Tancredi" für Marilyn Horne ein und feierte einen persönlichen Triumph. Seither ist sie regelmässig bei den Festspielen zu Gast. Heute gibt sie die Marguerite in „La damnation de Faust" von Hector Berlioz in der Felsenreitschule ein Rollendebüt. Die OÖN plauderten mit ihr bei einer Präsentation von BMG Classics, wo ihre „Werther"-Aufnahme (mit Ramón Vargas) und eine CD mit Arien und Duetten von Rossini (mit Juan Diego Flórez) vorgestellt wurden.

Das französische Repertoire liegt Ihnen?

Die französische Musik ist farbig und gefühlvoll und kommt meinem Naturell sehr entgegen. Ich werde mich auch in Zukunft intensiv mit diesem Repertoire beschäftigen. Die Marguerite ist eine sehr anspruchsvolle Partie, und ich glaube, dass das Publikum die Inszenierung von „La Fura dels Baus" interessant finden wird. Es gibt viele optische Effekte.

Gewiss sind Sie manchmal auch mit den Auswüchsen des Regietheaters konfrontiert. Wie reagieren Sie?

Ich gehöre zu einer Sängergeneration, die sehr flexibel ist. Ich versuche prinzipiell, alles mitzumachen. Wenn es mir zu bunt wird und Ideen auftauchen, die absolut unlogisch sind, muss man reden. Ist ein Regisseur besonders kapriziös, diskutiere ich mit ihm nicht gleich am ersten Tag, sondern warte eine Woche ab. Ich glaube, ich kann da sehr diplomatisch sein.

Zu Ihren Lieblingsdirigenten zählt Nikolaus Harnoncourt?

Ich mag all jene, die die Sänger lieben. Harnoncourt gehört zu ihnen. Er singt immer - indirekt - mit, er atmet mit uns. Bei ihm kann man viel lernen. Im Tonstudio war Colin Davis, ich habe mit ihm Mozart-Arien aufgenommen, ganz toll. Bei ihm wirkt alles so einfach.

BMG-Classics-Chef Stefan Mikorey hat Ihnen ein grosses Kompliment gemacht: „Sie stellt nicht dar, sie ist" ...

Für mich ist Singen wie Sprechen. Es geht nicht nur um Noten, sondern auch um das, was man damit sagen will.

Sie müssen ja in verschiedensten Sprachen singen. Welche ist die schwierigste?

Jede ist beim Singen schwierig, sogar Bulgarisch. Das Französische empfinde ich als sehr elegant, die Phonetik aber stellt hohe Ansprüche.

Es gibt einen neuen Mann in Ihrem Leben. Er kam am 16. November zur Welt und heisst Yves Lucien. Was hat der neue Erdenbürger bei Ihnen verändert?

Mein ganzes Leben! Meine Psyche ist gesünder, meine Gedanken sind klarer. Dieser Beruf kann einen auf negative Weise verändern, man wird manchmal zu kritisch zu sich selbst, und das kann zu Angstzuständen führen. Seit es Yves Lucien gibt, bin ich viel sicherer geworden. Allerdings bin ich durch die Schwangerschaft zu wenig zum Trainieren gekommen, denn Singen ist wie Sport, man braucht Kondition. Wer sie nicht hat, wird auf der Bühne schnell müde. Und ich muss jetzt etwas abspecken, auch wenn ich wahnsinnig gern esse. Zum Beispiel die wunderbaren Käsekrainer in der Wiener Krugerstrasse.

Sie haben in Wien den Schweizer Roger Kaufmann geheiratet. Wie haben Sie ihn kennen gelernt?

Er hat sich in Zürich 16 „Eugen Onegin"-Vorstellungen mit mir angeschaut, ist dann immer in die Garderobe gekommen und hat was Schönes mitgebracht. Wie man sieht, hat seine Beharrlichkeit zum Ziel geführt. Mein Mann ist zugleich mein bester Freund. Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Menschen fand. Er ist überall mit mir, auch hier in Salzburg. Man kann das so schwer mit Worten ausdrücken, aber ohne ihn wäre ich nicht das, was ich heute bin.

Wann kommen Sie wieder nach Wien?

Im Oktober, für den „Barbier". Bei einer „Barbier"-Vorstellung an der Staatsoper hatte ich einmal ein klassisches Erlebnis. Ich hatte vorher die Rosina ein paar Mal in Genf gesungen. Dort gab es andere Rezitative als in Wien, an das hatte ich jedoch nicht gedacht. Ich sang wie in Genf und ging ab in die Garderobe. Auf einmal hörte ich über den Lautsprecher: „Frau Kasarova", bitte dringend auf die Bühne!" Ich stürzte blitzartig hinaus, Doktor Bartolo hatte mittlerweile improvisiert. Wer solche Schrecksekunden einmal erlebt hat, der weiss: Für unsereinen wirkt so etwas wie eine zehnstündige Verspätung.


© IOC, International Opera Collector, Herbst 1999, Seite 12 - 16, Hugh Canning

The rise and rise of Vesselina Kasarova

Mezzo soprano Vesselina Kasarova has yet to earn the recognition in London that has been accorded her on the Continent. Hugh Canning reports.

The 1990s have undoubtedly been the decade of the mezzo soprano: the Italian Cecilia Bartoli, the Swede Anne Sofie von Otter, the Americans Jennifer Larmore, Lorraine Hunt and Susan Graham ... the list could go on. It has also been the decade of a young Bulgarian singer who left the Conservatory in Sofia exactly ten years ago and joined the ensemble Zurich Opera.

Within two years she was already singing in Salzburg - I saw her Annio alongside the Sesto of Ann Murray in the Karl-Ernst and Ursel Herrmann staging of La clemenza di Tito in 1991 (corr. 1992) - and by 1992 she had created something of a sensation at the prestigious festival, replacing an ailing Marylin Horne as Rossini's Tancredi to the Amenaide of Edita Gruberová, since when she was scarcely looked back. Kasarova's partnership with Gruberová has endured to this day: they regularly sing duet recitals together, they have recorded bel canto (corr. lieder) duets (for Gruberová's own label, Nightingale Classics) and they have appeared together on stage in Munich as Anna Bolena and Giovanna Seymour in the grandest of Donizetti's Tudor operas.

Now Kasarova is an exclusive BMG/RCA artist and she looks set to become the most recorded young mezzo - after Bartoli perhaps - of her generation: French orchestral songs, Mozart arias, Rossini duets and complete recordings of Tancredi and Bellini's I Capuleti e i Montecchi have all appeared to great acclaim, and now Kasarova takes a bold step into French opera with her Charlotte in BMG's new recording of Massenet's Werther, the first of three - the others are EMI's starring Roberto Alagna and Angela Gheorghiu (due for release later this year), and a Naxos set with the French mezzo Beatrice Uria-Monzon and the American tenor Marcus Haddock (for release in Autumn 2000). For Kasarova it's a big advance, but one for which she has prepared herself meticulously. ‘I've been very lucky and I have taken my time. It hasn't been one big success after another. I have developed gradually over ten years and now I have the best theatres asking me to sing for them. I'm very happy about this.'

In Zurich she sang a lot of Mozart and Rossini and, apart from Charlotte and Offenbach's La Périchole, these composers remain the bedrock of her repertoire with one or two of the later bel canto composers thrown in. When we met in Barcelona earlier this year she had just made her début as Handelian, singing Ruggiero to the Alcina of Luba Orgonasova and her velvet-smooth timbre and gamine androgyne looks suited the part to perfection (even though the opera was hideously cut and risibly staged).

Remarking how lyrically she sang Handel, I wondered whether it might not be premature to sing a role such as Charlotte which has been sung by very dramatic singers, such as Régine Crespin and Rita Gorr, but Kasarova insists that she sings it very lyrically. When she sang two concert performances in Berlin - opposite the veteran Werther of Alfredo Kraus - and recorded the opera shortly after - with the young Mexican lyric tenor, Ramón Vargas - she was expecting her second (corr. first) child, but, she says, the role felt absolutely right. ‘Charlotte is my absolute favourite role at the moment: it is written so well and it feels very comfortable for my voice. I didn't feel I had to sing dramatically. In recordings I always want to find the strength, not only to deliver the notes but to register my feelings too. It's hard work and you need to be in good physical condition. We recorded in long takes, but despite my pregnancy I didn't feel tired.' She first tackled Charlotte on home territory at the Zurich Opera in 1996, but until last year she kept the role ‘under wraps' as it were, although she now feels ready to sing it anywhere. ‘Covent Garden asked me for Werther, but I haven't been available, but I would love to sing it there and hope I will do.'

While Kasarova has become a star with apparently effortless ease in Zurich, Vienna, Munich, Salzburg and Paris, London has seen sadly litte of her. She made her début at Covent Garden as Rosina in 1993, but her performances went largely undocumented by the national press as she slipped in and out of London for four (corr. three) performances at the end of a run. Alan Blyth, writing for Opera magazine, did catch her and noted a voice both ‘sizeable and individual in timbre with an arresting chest register', but he was also troubled by ‘piercing high notes and untutored runs', which he put down to inexperience.

This might explain why she has not been back since, were it not for the fact that she has been extremely busy everywhere else, and sensibly for a young singer she does not sing every date she is offered. She returns to the newly restored Royal Opera House early in the year 2000 for Sesto, in the same Salzburg production where she has since - 1997 and this year - taken over the leading castrato role from Murray. It is what the Germans would call one of her Parade-Rollen (showcase roles) for she also sang it last season in a new production at Munich's Bavarian State Opera and she will repeat it at the Paris Opéra in 2001 - her beautiful singing of ‘Parto' can be heard in her Mozart recital conducted by Sir Colin Davis. Mozart remains central to her work: at Salzburg, in addition to Annio and Sesto in Tito, she has sung Zerlina in Don Giovanni (following Bartoli in the Patrice Chéreau production conducted by Daniel Barenboim) and next year she tackles both Dorabella in a new Così fan tutte conducted by Claudio Abbado and Idamante in a new production of Idomeneo. This year she also added a new French part to her portrait gallery: Marguerite in the new Salzburg production of Berlioz' La damnation de Faust, another role which seems ideally suited to her soft-grained, soprano-ish middle register and viola-like low notes.

She won't, however, be tempted into soprano territory, not yet at least. ‘I have already been offered Vitellia and Donna Elvira, but I have got plenty of time to take on soprano parts - my voice will tell me one day if it's right for me. Already, after the birth of my child, I notice a change, not in the sense of an increase in the size of my voice, but a greater warmth of timbre. Soprano parts can be dangerous for mezzos; it obviously changes the colour of your voice, if you sing in this range. But a mezzo should never lose her low notes. I don't want to take any risks merely to prove to myself that I can sing this or that soprano role.'

So what, I ask, does the future hold? More Handel, perhaps? ‘Yes, certainly. I think Handel suits my voice well. It needs good coloratura and a certain elegance and espressivo and I love to sing this sort of music. Some musicians find Handel a bit dull but I have to say that he reveals the emotions as truly as any other opera composer'.

Like her contemporary, Bartoli, she appears to have tired of the female lead in Il barbiere di Siviglia, but Rossini still figures prominently in her plans. ‘If you only sing Rosina, it can be very boring, but I have other Rossini parts: Cenerentola which I sang at the Pesaro Rossini festival, Tancredi - which I've been asked to sing on stage but, sadly, I haven't been free - and then I will sing Isabella in L'Italiana in Algeri in Paris in 2000.' I mention Ambroise Thomas's Mignon, a role for which she has the perfect looks and ideal vocal colouring and she looks interested. How about Carmen, then? ‘Well, one day, perhaps, but not yet. I have plenty of time.'

Still only 33, Kasarova is already in the position where she can pick and choose. Her most exciting record project is the title-role in Donizetti's La favorite - yes, hooray, the original French version at last - which BMG will tape live during concert performances in Munich conducted by Swiss-born Marcello Viotti next year. And there are more solo albums to sate the appetites of Kasarova's growing army of fans: a disc of Lieder (due for release in April 2000), a recital of Bulgarian songs and a Handel opera disc conducted by Sir Colin Davis. Then another Rossini opera, either La Cenerentola or L'Italiana in Algeri.

At a time when multi-national labels are cutting back on complete opera recordings, BMG's investment in Kasarova is remarkable and is obviousely beginning to pay off as the Bulgarian mezzo begins to establish herself as one of the most lustrous and distinctive young voices of the new millenium.