© Musik und Theater, Special-Edition «Snow and Symphony», März 2002, Seite 18 - 19, Werner Pfister

Seit Beginn gehört sie zur «Snow and Symphony»-Festival-Familie: die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova

Freude und Frische

Sie ist nicht nur ein weltweit bejubeltes Stimmwunder, sondern eine Sängerin, deren persönliche Ausstrahlung auf den Opernbühnen und im Konzertsaal sie zu einer Ausnahmeerscheinung macht. Wenn Vesselina Kasarova singt, werden Gesang und Gefühle hautnah erlebbar.

Eigentlich begann alles am Klavier. Vesselina Kasarova, im südbulgarischen Stara Zagora geboren, wollte Pianistin werden und verfolgte diese Absicht auch erfolgreich bis zum Konzertdiplom. Klavierspielen ist für sie auch heute nach wie vor wichtig: «Wenn ich eine Partie studiere, überlege ich mir stets: Wie würde ich das auf dem Klavier spielen? Genau so möchte ich es auch singen. Das Klavierspiel hilft mir auch heute enorm viel.»

Dass sie als junge Pianistin häufig mit Sängern zusammengearbeitet hat, brachte sie indirekt dazu, ihre eigene Stimme zu entdecken. Fünf Jahre studierte sie anschliessend Gesang am Konservatorium bei Ressa Koleva, und noch vor ihrem eigentlichen Abschluss war sie in Mozart-Partien am Opernhaus in Sofia zu hören. 1989 wurde zum entscheidenden Jahr für die junge Sängerin: Mit einem zweijährigen Festvertrag kam sie ans Zürcher Opernhaus. «Eine sehr schwierige Zeit», wie sie rückblickend sagt - sie konnte kaum ein Wort Deutsch. «Und es gibt nichts Schlimmeres auf der Welt, als wenn man sich nicht ausdrücken kann; ich werde diese Zeit nie vergessen. Dennoch, Zürich war meine grosse Chance. Denn das Opernhaus bot mir damals die Gelegenheit, eine Karriere mit kleinen Partien aufzubauen.»

Vesselina Kasarovas Ausnahmetalent wurde sofort erkannt. Bereits 1991 debütierte die Sängerin an den Salzburger Festspielen unter Colin Davis als Annio (in Mozarts «La clemenza di Tito») sowie in zwei Matineen; ein Jahr später sprang sie, ebenfalls in Salzburg, in Rossinis «Tancredi» kurzfristig für die indisponierte Marilyn Horne ein. Dieser Einsatz, eine neue Partie innerhalb von nur zwanzig Tagen zu lernen, hatte sich gelohnt: Nun standen die Türen zu einer Weltkarriere offen. Aber Vesselina Kasarova war klug genug, sich nicht gleichsam mit Überschallgeschwindigkeit in eine Weltkarriere hinein katapultieren zu lassen. Vor allem wollte sie sich nicht jetzt schon ins dramatische Fach drängen lassen. «Eine Sängerin muss stets an die Zukunft denken; für mich ist es wichtig, dass ich eine Entwicklung vor mir habe.»

Gegen das Image einer slawischen Sängerin hat sie sich bewusst gewehrt, denn sie wollte unbedingt eine Mozart-Sängerin werden. Und ist es geworden - und was für eine! Wichtig ist ihr zudem das Lied, Brahms, Schumann und Schubert. Und wichtig sind ihr, auf der Opernbühne nach wie vor Mozart und Rossini. Beide garantieren ihrer Stimme die stupende Beweglichkeit. «Rossini phrasiert quasi mit den Koloraturen, sie sind direkter Bestandteil des musikalischen Ausdrucks.»

Mittlerweile hat sich Vesselina Kasarova ein bemerkenswert breites Rollenspektrum erarbeitet, das von Offenbachs keck verführerischer «La belle Hélène» über Bellinis heroische Adalgisa (in «Norma») bis zur fragilen Charlotte in Massenets «Werther» reicht. Und selbst Monteverdi singt sie soeben neu am Zürcher Opernhaus - die Penelope in «Il ritorno d'Ulisse in patria». «Für mich gehörte die Penelope schon immer zu den grossen tragischen Frauenfiguren, die mich interessierten.»

In St. Moritz ist Vesselina Kasarova seit dem traumhaften Festivalstart von «Snow and Symphony» im Frühling 1998 mit dabei, gehört hier gleichsam zur Festival-Familie. Sie singt generell sehr gern in der Schweiz - «weil das Publikum hier die Musik wirklich liebt. In einem positiven Sinne erlebe ich hier ein eher intellektuelles Publikum.» Diese mentale Offenheit ist ihr sehr wichtig - auch für ihren eigenen Umgang mit Musik: «Nur wenn man offen ist, können die verschiedenen Gefühle in all ihren Dimensionen erfahren und erlebt werden.» Und das nicht nur auf der Opernbühne, im Gegenteil: «Ein Konzert zu singen ist viel schwieriger. Man steht einer Meter vor der ersten Zuschauerreihe entfernt, und das ohne Maske. Da kann man sich nicht verstecken, man kann sich kaum entspannen; in einem Konzert spüre ich die Verantwortung, die auf einem lastet, stärker.»

Verantwortung ist ein zentrales Stichwort - Verantwortung der Musik, der Kunst, aber auch der eigenen Stimme gegenüber. Rossini und Mozart - «kein anderer Komponist kannte die menschliche Seele besser als Mozart» - bilden nach wie vor einen Schwerpunkt im Repertoire, daneben französische und deutsche Opern. Auf ein bestimmtes Fach festlegen will sie sich nicht; eine Sängerin brauche Vielfalt und Abwechslung, um sich die Frische und die Freude am Singen zu erhalten.

Vesselina Kasarova tritt in der Opern-Gala auf: am 23. März 2002, 19.00 Uhr, im Kulm Hotel St. Moritz. Und am 24. März 2002, 17.45 Uhr im Rondo, Pontresina. Beide Konzerte begleitet das Orchester der Tiroler Festspiele Erl unter Gustav Kuhn. Als weitere Solistin tritt Alina Pogostkin, Violine, auf. Zur Aufführung gelangen Arien und Orchesterstücke von Gioacchino Rossini, Giuseppe Verdi, Pietro Mascagni, Johann Strauss, Pablo de Sarasate und Georges Bizet.


© Neue Zürcher Zeitung, Sonderbeilage Expo 02, 14. Mai 2002, Seite B 7, Marianne Zelger-Vogt

Die Schweiz der Schweizer - welcher Schweizer?

Sonderbeilage zur Landesausstellung 2002

Zürcher Luft ist Sängerluft

Als ich 1989 als junge Anfängerin aus Bulgarien nach Zürich kam und mein Engagement am Opernhaus antrat, erlebte ich einen totalen Schock. Ich war allein, kam aus einem kommunistischen Staat, kannte niemanden, sprach nur sehr wenig Italienisch, kein Deutsch, und meine Russischkenntnisse halfen mir wenig. Es war mir auch bewusst, dass ich Bulgarien für lange Zeit verlassen hatte - wenn auch aus freier Entscheidung, weil sich mir hier die Möglichkeit bot, eine Karriere zu beginnen.

Der damalige Opernhausdirektor Christoph Groszer, der mich direkt vom Konservatorium weg engagiert hatte, hat mich wirklich sehr gefördert: Ich konnte viel proben, in einem ausgezeichneten Ensemble arbeiten und erhielt Gelegenheit, zu zeigen, was ich konnte. Alle im Haus haben mir geholfen, durch Vermittlung des Künstlerischen Betriebsbüros lernte ich eine ehemalige Tänzerin kennen, die Russisch sprach und für mich übersetzte - sie ist dann eine gute Freundin geworden -, und so fühlte ich mich bald sicherer. Der gute Start in Zürich war eigentlich die Basis für meine spätere Laufbahn, und ich werde das nie vergessen. Ich fühlte mich hier geborgen. Sicher braucht es in einem künstlerischen Beruf Talent, aber Talent braucht die richtige Umgebung, um sich entfalten zu können. Wenn man sich unsicher fühlt, kann man nicht sein Bestes geben.

Als ich zwei Jahre später Zürich verliess, um ein Engagement an der Wiener Staatsoper anzutreten, merkte ich, dass ich bereits Wurzeln geschlagen hatte. Obwohl es für meine Karriere ein entscheidender Schritt war, wäre ich lieber hier geblieben und fragte mich: Wozu gehst du eigentlich nach Wien? Ich kam nun beruflich in eine völlig neue Umgebung - an der Wiener Staatsoper gibt es für Repertoireaufführungen viel weniger Proben - und war wieder auf mich allein gestellt, ohne meine Übersetzerin und Freundin (was meine Deutschkenntnisse jedoch förderte). Ich glaube nicht, dass ich psychisch den Sprung nach Wien direkt von Sofia aus verkraftet hätte, es brauchte die zwei Zürcher Jahre dazwischen.

Als ich 1993 nach Zürich zurückkehrte, hatte ich das Gefühl, nach Hause zu kommen. Die Atmosphäre hier, die Art zu leben, wie die Menschen miteinander umgehen, die Überschaubarkeit der Stadt, das viele Grün, das alles gefällt mir. Hier fühle ich mich sicher, auch abends auf der Strasse. Das Wichtigste aber sind die Freunde. Ein Ort, wo man Ruhe findet und sich auskennt, Vertrauen hat: das bedeutet für mich Heimat. Und dieses Heimatgefühl empfinde ich heute in keinem Land so stark wie in der Schweiz. Natürlich ist Bulgarien auch Heimat für mich, meine Eltern leben dort, auch einige Freunde, aber heute fühle ich mich in der Schweiz ruhiger. In Bulgarien sehe ich, dass die Menschen grosse Probleme haben und dass ich nicht helfen kann, das macht mich traurig. Manchmal denke ich, dass viele Schweizer gar nicht wissen, was sie erreicht haben und wie gut es ihnen geht, vielleicht weil sie nicht vergleichen können mit den Verhältnissen anderswo. Sonst würden sie wohl positiver denken über ihr Land.

Schon vor meiner Rückkehr nach Zürich hatte ich einen Schweizer geheiratet, und das hat es mir natürlich sehr erleichtert, Kontakt zu finden. Wenn ich im Ausland bin, hilft mir mein Beruf, mich zurechtzufinden: der Ablauf der Proben und Vorstellungen, die Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich auf der ganzen Welt immer wieder zusammentreffe, die Werke und Rollen, die mir vertraut sind. Aber wenn ich dazwischen einkaufen gehe, spüre ich das Fremdsein. Nach der Geburt unseres Sohnes habe ich mir überlegt, ob ich nur noch in Zürich auftreten sollte. Ich bin ein Familienmensch und liebe mein Zuhause. Aber mein wunderbarer Beruf verlangt, dass ich reise und etwa zwei Drittel des Jahres von zu Hause weg bin. Es gibt in jedem Beruf Nachteile, ich akzeptiere das und mach Kompromisse. Aber es gab schon eine Zeit, wo ich dachte: Warum darfst du nicht immer in Zürich sein? Inzwischen ist das Reisen dank meinem Schweizer Pass wenigstens einfacher geworden. Früher musste mein Mann oder ich oft stunden- und taglang für ein Visum anstehen, und wir waren nie sicher, ob es rechtzeitig eintreffen würde. Eine erschreckende Erfahrung war allerdings für mich, wie sich die Physiognomie der Beamten ändert, je nachdem, ob man einen bulgarischen oder einen Schweizer Pass zeigt. Auf jeden Fall ist die einfachste Art zu reisen, den Schweizer Pass zu besitzen.

Ich kenne natürlich auch die Klischeevorstellungen über die Schweizer, zum Beispiel, sie seinen humorlos und ernst. Die Schweizer, die ich kenne, sind eigentlich alle fröhlich und lustig. Und umgekehrt gibt es in Bulgarien sehr ernste Leute. Man darf nie verallgemeinern. Die schweizerische Sauberkeit allerdings ist für mich kein Klischee. Selbst meine Stimmbänder spüren es, wenn ich nach Hause komme. Wir Sänger reagieren sehr empfindlich auf Luftverschmutzung, die Atemwege werden sofort gereizt, das habe ich gerade jetzt wieder erlebt, als ich ein paar Wochen in New York war. In der Schweiz habe ich da viel weniger Probleme, vielleicht weil fast alle Autos mit Katalysatoren ausgerüstet sind. Ich atme wirklich sehr gerne in Zürich.

Vesselina Kasarova, Mezzosopranistin, geboren 1965 in Stara Zagora, Bulgarien. Ausbildung zur Konzertpianistin, anschliessend Gesangsstudium, 1989 erstes Engagement am Opernhaus Zürich, seither Auftritte auf den wichtigsten Bühnen Europas, der USA und Japans sowie zahlreiche Schallplattenaufnahmen.


© Süddeutsche Zeitung, 20. Juli 2002, Anne Goebel

Laufend in Versuchung

Ein München-Spaziergang mit der gefeierten Mezzosopranistin Vesselina Kasarova

Schwer vorstellbar, dass diese engelsgleiche Stimme, die sanft ist und doch von tief unten kommt, zu banalen Sätzen anhebt wie: „Einmal Schweinsbraten, mit ordentlich Kruste!" Oder: „Noch eine Portion Kaiserschmarrn!" Nein, die Stimmbänder der Vesselina Kasarova sind dazu da, überirdische Töne zu produzieren, glockenhelle und samtige, dunkle. Und vor allem wollen sie vor Kälte geschützt sein. Kasarova, gefeierte Mezzosopranistin und Star der Opernfestspiele, zieht also mit dem Rechten den Jackenkragen zusammen, damit kein Lüftchen den Kehlkopf verkühle, und linst im Vorübergehen auf die Teller der Menschen, die vor dem Spatenhaus an der Oper im Freien sitzen und essen. „Wie heisst das, diese hausgemachten Hackfleischbälle, wunderbar" - sie bleibt stehen - „diese kleinen, dunklen ..." Fleischpflanzerl? Stürmisches Nicken. Wer hätt's gedacht. La Kasarova liebt Hausmannskost.

Und sie liebt Gucci und Parfum von Chanel und ihren Sohn Yves. Und will überhaupt nicht immer nur über Oper reden auf dem kleinen München-Spaziergang an diesem sonnigen (und windigen! Hals schützen!) Vormittag. Jeans, Bluse, spitze Prada-Pumps, die 37-jährige gebürtige Bulgarin sieht nicht aus wie eine Operndiva. „Es gibt soviel Kitsch in meinem Beruf, soviel Opulenz bei den Kostümen", erzählt sie beim Schlendern über die Maximilianstrasse, „ich mag es lieber schlicht." Auf der Bühne Maquillage, auf der Strasse dezent - Vesselina Kasarova trennt strikt zwischen Beruf und Leben. „Beruf und Leben", so sagt sie das. Der Beruf sind die grossen internationalen Häuser, die Erfolge, Auszeichnungen und, ja, der Ehrgeiz. Das Leben ist Zürich, wo sie wohnt mit ihrem Mann und Yves, der dreieinhalb ist, und ihrer Mutter. „Zürich ist wie München", sagt sie mit einem Hauch slawischem Akzent und die Residenzstrasse hinunter, die lebhaft ist und doch nicht hektisch. „Das ist so überschaubar." Paris? „Zu viele Leute!" New York? „Was ist das für eine Stadt? Du schaust sie dir zwei Tage an, dann willst du nur weg."

Also München - was sie hier mag? Inzwischen sind wir im Hofgarten (wo Madame Kasarova besorgt ist wegen den spitzen Steinchen auf den Wegen, die ihre Stilettos ruinieren könnten), prächtig leuchtet die Theatinerkirche vorm blauen Himmel, natürlich gefalle ihr die Schönheit der Architektur. Feldherrnhalle, Frauenkirche, auch im Englischen Garten sei sie gewesen. Sie zählt das artig auf, und aus ihren grünen, ein wenig schrägen Augen blitzt Belustigung. Immerhin ist sie zum Arbeiten hier, schwere Arbeit, drei Stunden Mozarts „Clemenza di Tito", da erholt man sich nicht mit dem Touristen-Programm. Um zu entspannen liest sie, schlendert, guckt den Leuten zu. „Ich glaube, hier kannst du gut leben." Freilich darf sie das nicht so, wie sie gern würde. Bier, Vesselina Kasarova stemmt einen imaginären Masskrug, „ich liebe Bier!" Geht aber nicht, kein Alkohol in die zarte Sing-Kehle. Und die dauernde Verlockung der Pflanzerl, Knödel etcetera? Nichts da, macht zuviel Magensäure, die den Bändern schaden könnte. „Aber wissen Sie, was ich manchmal gerne würde?" Lachen aus den Schräg-Augen. „Essen, fettes Essen, so viel ich mag. Und herumlaufen ohne Schal, im Wind, im Regen. Einfach so."


© Fono Forum, August 2002, Seite 20 - 23, Gerhard Persché

Umsteigen ja - aber langsam

Mozart, Belcanto: vor allem auf dieses Repertoire baut Vesselina Kasarova auch in den kommenden Jahren. Mit kleinen „Ausflügen" in andere Gebiete, etwas ins Französische. Wann kommt der lang erwartete Umstieg ins dramatische Fach? „Auch Mozart ist sehr dramatisch", sagt sie. „Man muss warten können." Ein Portrait von Gerhard Persché.

Voyeure, Voyeure. Schwarzvermummte Gestalten umkreisen die Akteure mit ihren Kameras. Der Opernglasverleiher macht kein Geschäft an diesem Abend, denn die auf den bühnenfüllenden Bildschirm projizierten Gesichter sind den Zuschauern näher, als jedes Fernglas sie heranholen könnte. Zugleich decouvriert Martin Duncans Inszenierung von Mozarts „La clemenza di Tito" an der Bayerischen Staatsoper erbarmungslos jede Pose, jede aufgesetzte Mimik. Für Vesselina Kasarova freilich scheint dies wie geschaffen: Deutlicher noch als in normaler Bühnendistanz nimmt man die kleinsten darstellerischen Nuancen wahr, ihren qualvollen Ausdruck der Augen etwa bei Sestos „Deh, per questo istante solo ti ricordo il primo amor ...". Es scheint, als sei sie emotional von der Situation überwältigt.

Vor sechs Jahren, bei Bellinis „I Capuleti e i Montecchi" an der Opéra Bastille in Paris, war Ähnliches passiert, als Romeo/Kasarova Abschied nahm von der totgeglaubten Julia, ein plötzliches Anhalten, überrumpelt von der Traurigkeit des Augenblicks. Als ich sie am nächsten Tag darauf ansprach, gab sie zu: „Ich hätte fast nicht weitersingen können, es war fast unkonrollierbar." Sie habe die ganze Nacht darüber gegrübelt. Natürlich seien unmittelbare Emotionen wichtig, sie geben einer Figur die feine Lasur, den Firnis. Doch dürfe man auf der Bühne nicht zu privat werden; die Kunst sei ja, Gefühle in einen Rahmen zu setzen, wie ein Bild. Und nun bei Sesto? Bei „Deh, per questo ..."? Mittlerweile habe sie gelernt, Herz und Kopf in Balance zu halten, sagt sie. Natürlich berühre sie die Figur des Sesto tief, gerade in jener Szene - „Wenn er Titus beschwört, ‚ti ricordo il primo amor', an ihre Liebe zu denken, meint er das sicher nicht nur platonisch; ich glaube, dass die beiden auch eine erotische Beziehung hatten. Sesto ist ein so gespaltener Charakter, völlig verunsichert in seinem Gefühlsleben. Und wie viel Tragik trägt er in sich! Überhaupt ist die ‚Clemenza' ein sehr bitteres Stück ...".

Wir sitzen am Morgen nach der Vorstellung in einem stillen Nebenraum des Hotel-Foyers. „Ohne Allüre" ist bei Vesselina Kasarova überhaupt kein Klischee; wie immer ist sie herzlich, etwas scheu, so sanft sprechend, dass ich später beim Abhören der Aufnahme den Regler hochdrehen muss. Von „elfenhafter Sprechstimme" schrieb eine Journalistin einmal, wohl im Zweifel, ob da nicht Pose dahinterstünde. Doch die Kasarova hasst Posen, privat und beruflich. „Wer im Leben unecht ist, ist es auch auf der Bühne", sagt sie. Nein, sie redet, wie sie ist; das Singen und auch die Bühnensprechstimme seien etwas ganz anderes.

Wer ihr zum ersten Mal begegnet, erlebt so etwas wie einen Jeckyll-und-Hyde-Effekt. Ich denke an mein Interview mit ihr 1994 in Zürich, nach einer Aufführung von „Adriana Lecouvreur", in der sie Prinzessin Bouillon war, Giftmörderin, erfüllt vom kalten Feuer aggressiver Leidenschaft. Woher sie die Erfahrung dafür genommen habe? Jeder Mensch habe eine Mörderseele, sagte sie damals, den Pakt mit dem Teufel habe man unbewusst schon geschlossen, bevor man Mephisto spiele. Nun in München ergänzt sie: Vielleicht seien es die Erfahrungen aus früheren Leben. Sie hänge zwar keiner esoterischen Mode an, könne sich aber durchaus vorstellen, dass es Wiedergeburt gebe. Und sie erzählt eine Anekdote: „Als ich noch Studentin war, in einem der frühen Semester, kam einmal ein Mann zu mir und sagte mir eine grosse Karriere voraus. Ich sei, meinte er, schon in zwei früheren Leben Sänger gewesen, einmal als Frau, einmal als Mann. Damals habe ich gelacht. Doch heute fange ich an, daran zu glauben."

Mich an die Principessa di Bouillon erinnernd, frage ich sie, wie es nunmehr mit einer Facherweiterung aussehe. Gerade ist ja ihre CD „Nuit resplendissante" erschienen, auf der sie mit grosser Überzeugungskraft ein (französisches) Repertoire mit fliessenden Grenzen vom Sopran zum Alt präsentiert, unter anderem das „Amour, viens aider ma faiblesse" der Dalila, das „Je vais mourir" der Didon aus Berlioz' „Les Troyens", aber auch eine Arie der Margared aus Lalos „Le Roy d'Ys" oder gar die Chimène aus Massenets „Le Cid". Dramatische Partien also. Doch auf der Bühne singt sie noch immer vor allem Mozart und Belcanto. Angebote fürs schwere Fach hat sie bislang sorgsam geprüft und meist abgelehnt. „Ich muss immer wissen, wo meine Grenzen sind. Die Stimme darf nicht leiden; ich muss nach einer Vorstellung weitersingen können." Und: „Der entscheidende Punkt ist, warten zu können und langsam umzusteigen." Im Übrigen ist für sie alles eine Frage der inneren Einstellung: „Der Begriff ‚dramatisch' bedeutet für mich nicht, wie viel Stimme ich in einer Partie geben muss, sondern beschreibt die Emotion, die ich dafür aufwende. In dem Sinne ist beispielsweise auch der Sesto für mich höchst dramatisch." Oder manche Partien im Belcantofach. Wobei sie Koloraturen nicht als blosse Ornamente sehe, sondern, in der eigentlichen Bedeutung des Worts, als Seelenfarben.

Apropos: „Belcanto ist hohe Kunst. Man muss sehr flexibel sein, auf hohem musikalischem Niveau." Viele Dirigenten, hatte der Tenor Juan Diego Florez - mit dem sie eben an der Met in einer Serie von Rossinis „Barbiere" sang - vor einiger Zeit in einem Interview beklagt, seien gerade dies um Belcantorepertoire nicht: flexibel. Hat er Recht? „Ja. Weil mancher es unter seiner Würde findet, Belcanto zu dirigieren. Für viele Dirigenten ist das doch nur ‚Begleitung', hm-ta-ta. Auch ich habe Erfahrungen mit solchen Leuten gemacht, sogar mit ganz grossen ‚Namen'." Nicht nur das Belcantorepertoire, sondern das ganze lyrische Fach werde generell unterschätzt, auch von vielen Sängern. Für manche sei es nur eine Etappe auf dem Schritt nach „oben", zu schwereren Partien. Welche Fehleinschätzung! „Ausserdem heisst es oft, das lyrische Repertoire mache die Stimmen eng. Doch ich bin im Gegenteil davon überzeugt, dass man dadurch an Flexibilität auch für die schwereren Partien gewinnt."

So ist sie mit Bedacht im Grossen, Ganzen bei Mozart und dem Belcanto geblieben, immer mit kleinen Ausflügen ins dramatischere Fach wie beispielsweise der Bouillon, der Marguerite in Berlioz' „Damnation", der Charlotte in Massenets „Werther". In weiterer Zukunft sieht sie auch die Didon in „Les Troyens", die Carmen - so um 2006 vielleicht", dann auch die Eboli, man wird sehen. Also: umsteigen ja, aber eben langsam. Doch das „Geschäft", die Agenten, Manager, Direktoren, Dirigenten: Stimmen sie Vesselina Kasarovas Vorsicht zu? „Wenn sie künstlerisch denken, müssen sie einsehen, dass es für einen Sänger unsinnig ist, sozusagen von unten an einer Rolle zu kratzen." Was hätte man denn gewonnen, wenn man immer mit Angst auf die Bühne ginge? Ein innerlich zitternder Sänger könne doch niemals glaubwürdig wirken. „Natürlich muss man diplomatisch sein. Aber ich habe insgesamt in dieser Hinsicht Glück gehabt. Mit ganz wenigen Ausnahmen hat niemand etwas von mir verlangt, das nicht meiner Stimme entsprach. Das gilt auch, und besonders, für die Schallplatte. Ich bin dankbar, dass ich viel im Studio arbeiten durfte. Am Anfang hatte ich Mühe, meine Stimme zu hören, ich war erschreckt - wie wahrscheinlich jeder Mensch, wenn er sich zum ersten Mal hört. Mittlerweile habe ich eingesehen, dass man durch Aufnahmen unendlich viel lernen kann - wie man beispielsweise durch eine ganz kleine Veränderung, eine winzige Nuance, einen ganz neuen Ausdruck erzielt."

Eine ihrer unverwechselbaren Stärken, entgegne ich, sei freilich die völlige Übereinstimmung von körperlicher und musikalischer Gestik, wie man sie nur auf der Bühne verwirklichen könne. Wie verhalte sie sich in dieser Hinsicht vor dem Mikrophon? „Ich versuche immer, hundertprozentig da zu sein, stelle mir die Bühnensituation vor; ich bewege mich, als spielte ich. Das Problem bei Aufnahmen ist, die Figur immer glaubwürdig klingen zu lassen, die Phantasie des Hörers in diese Richtung zu lenken. Es kostet unwahrscheinlich viel Kraft - mehr als auf der Bühne -, um so echt wie möglich zu klingen. Ich bin danach erschöpft, nicht stimmlich, aber emotional."

Solchermassen gelingt der Kasarova auf der erwähnten Platte mit französischen Arien freilich quasi die Quadratur des Kreises: Sie bündelt eine Vielfalt von Charakteren auf die für sie charakteristische Weise, gibt aber jeder Arie und jeder Figur ihr eigenes Gesicht, ihren eigenen Stil und bleibt dabei auch vom Text her völlig idiomatisch, was auf ihre sorgsame textliche Vorbereitungsarbeit verweist (sie dankt im Booklet denn auch ihrem französischen Repetitor und Coach).

In Zürich sang sie kürzlich wieder Alte Musik: die Penelope in Monteverdis „Il ritorno d'Ulisse in patria" unter Nikolaus Harnoncourt. Letzterer ist ja dafür bekannt, dass er im Unterschied zu anderen Dirigenten dieses Stils immer auf Sänger mit stimmlicher Persönlichkeit und individuellem Timbre zurückgreift. Ob sie denn auch jenen Puristen begegnet sei, die von Sängern „Entpersönlichung" verlangen, ein Singen möglichst ohne Vibrato und Eigenfarbe? „Nein, ich hab solch' extreme Erfahrungen nicht gemacht. Man darf den vibratolosen Ton natürlich dramaturgisch einsetzen, etwa als Ausdruck von Hilflosigkeit, aber die persönliche Stimmfarbe zu verleugnen wäre - für mich zumindest - falsch. Wie kann man etwas ehrlich und stimmig ausdrücken, wenn man hinsichtlich seiner Stimmpersönlichkeit ständig sozusagen auf die Bremse steigen muss?" Durch Zufall weiss ich, dass die Kasarova vor Jahren einmal einem bekannten Dirigenten mit grosser Reputation im „Period Movement" vorgesungen habe. Und zwar für Verdis „Messa da requiem". Sie hätte zu viel Vibrato. „Er meinte auch, meine Stimme wäre ‚zu slawisch' für seinen Geschmack. Ob er dies auch herausgehört hätte, wenn er nicht gewusst hätte, dass ich aus Sofia komme?"

Vesselina Kasarova ist seit etwas mehr als drei Jahren Mutter eines Sohnes, Yves. Voller Stolz zeigt sie Fotos. Ob ihre Stimme sich nach der Geburt verändert habe, frage ich. „Nein, nicht wirklich. Aber die Erfahrung hat mich freier und selbstbewusster gemacht. Man glaubt mehr an sich. Perspektiven verschieben sich. Es ist ja etwas Unwahrscheinliches, das da passiert." Aber sie habe nach der Geburt auch eine schwere Krise erlebt, habe aufhören wollen. Oder zumindest nicht mehr reisen, nur mehr in Zürich singen: „Für mich war Familie immer ganz wichtig, war mein eigentliches Lebensziel. Aber Roger, mein Mann, konnte mich davon überzeugen, dass das Singen ebenfalls ein ganz wichtiger Teil meines Lebens ist. So muss ich versuchen, beides, so gut es eben geht, zu vereinen. Denn ein Kind braucht wirklich Aufmerksamkeit. Man glaubt, die sind so klein, die verstehen noch nichts. Die verstehen alles, bekommen alles mit. Man muss sehr vorsichtig sein." Mehr Konzerte, weniger Produktionen mit lang dauernden Proben - das wäre die Lösung für die nächste Zukunft. Und Aufnahmen. Unter anderem ist Rossinis „Italiana" geplant, in drei Jahren auch eine „Norma" mit Edita Gruberova, mit konzertanter Aufführung in Wien. Auch etwas ganz anderes will Vesselina Kasarova aufnehmen: Jazz - während ihres Studiums als Pianistin (bis zur Konzertreife!) liebte sie ihn sehr.

Doch die nächste Einspielung ist Promotion für die Musik ihrer Heimat: Sie spielt eine CD bulgarischer Volksmusik ein, mit Chor, a cappella. „Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich mir das erlauben kann. Wir haben eine Folklore voller Eigenart, etwas so ganz anderes, als man es von der europäischen Musik hinsichtlich Harmonik, Form, Tonarten gewohnt ist." Es ist Musik von hohem Reiz, wuchtig und energiegeladen; typisch sind asymmetrische Taktarten, aus deren Wechselspannung sich die Melodie ergibt. „Ein bulgarischer Komponist hat die Musik für mich erarbeitet; aber alles ist wirklich authentisch, die pure Volksmusik." Das Mysterium der bulgarischen Stimme reicht ja zurück bis in die Zeit der griechischen Legende: Ein Teil des heutigen Bulgarien hiess damals Thrakien. Und der berühmteste aller Thraker war bekanntlich Orpheus, der mythische Sänger.

Biographie

Während ihrer Ausbildung zur Pianistin am Konservatorium in Sofia begleitete Vesselina Kasarova auch Sänger; auf diese Weise wurde ihre eigene Stimme entdeckt. Es folgte ein Gesangsstudium bei Ressa Koleva; bereits als Studentin sang sie an der Sofioter Oper, unter anderem die Rosina in Rossinis „Barbiere", eine Partie, die sie auf ihrer weiteren Karriere begleiten sollte. Im Jahr 1989 wurde sie ans Zürcher Opernhaus engagiert und dort sofort zum Publikumsliebling. 1991 holte das auf ein junges Ensemble bauende Team Eberhard Wächter/Ioan Holender sie nach Wien an die Staatsoper, 1992 sprang sie bei den Salzburger Festspielen für Marilyn Horne in der Titelpartie von Rossinis „Tancredi" ein und hatte damit sensationellen Erfolg. Seit damals ist das Belcantofach eine ihrer Domänen geblieben, daneben stellen Mozart-Partien wie vor allem der Sesto in „La clemenza di Tito", aber auch der Idamante in „Idomeneo" oder der Farnace in „Mitridate, rè di Ponto" einen Schwerpunkt ihrer Tätigkeit dar. Aber nicht nur in Hosenrollen brillierte sie; in Hans Neuenfels' umstrittener Inszenierung von „Così fan tutte" bei den Salzburger Festspielen ersang sie sich mit der Dorabella einen Triumph. Salzburg war auch Schauplatz ihres Erfolges als Marguerite in Berlioz' „Damnation de Faust"; neben Mozart und dem Belcanto widmet sie dem französischen Repertoire besondere Aufmerksamkeit. So sang sie neben der Marguerite die Charlotte in Massenets „Werther" (auch auf Platte); ausserdem reüssierte sie in Zürich als Offenbachs „Belle Hélène" und „La Périchole". Einen Teil ihrer Tätigkeit widmet sie auch dem Liedgesang, wobei sie zur Zeit Werke bevorzugt, die sie aus einem gewissen naiv-romantischen Gefühlsausdruck heraus gestalten kann. In diesem Sinne kreierte sie ihre CD mit Schubert-, Schumann- und Brahms-Liedern; in ihrem diesjährigen Programm, das sie unter anderem auch bei den Salzburger Festspielen sowie beim Edinburgh Festival singen wird, kommen zu Werken der erwähnten Komponisten noch Lieder von Zemlinsky hinzu.


© Münchner Merkur, 26. Oktober 2002, Markus Thiel

Aber das Singen ist sauschwer

Zur konzertanten "Italienerin in Algier": Gespräch mit Vesselina Kasarova

Als Sextus im Staatsopern-"Titus" feiert sie Triumphe, an diesem Sonntag, 19 Uhr, schlüpft Vesselina Kasarova in die Rolle der widerspenstigen Isabella. Der Mezzo-Star aus Bulgarien ist Mittelpunkt der konzertanten Aufführung von Rossinis "Italienerin in Algier" (Münchner Gasteig). Marcello Viotti dirigiert das Münchner Rundfunkorchester.

So, wie Sie eben bei der Probe Ihre Arie gesungen haben, scheinen Sie gern zutanzen.

Kasarova: Es macht einfach Spass. Musik ist für mich etwas, das ich nach vierzehn Jahren Karriere noch unglaublich geniessen kann. Gerade eine konzertante Aufführung darf nicht steril sein. Aber wenn ich singe, denke ich nicht daran, wie ich wirke. Ich muss nur für mich glaubwürdig sein, dann stimmt auch die Wirkung.

Wie kritisch sind Sie sich selbst gegenüber?

Kasarova: Sehr. Ich glaube, deshalb habe ich vor einiger Zeit auch eine Krise durchlitten. Es kommt selten vor, dass ich nach einer Aufführung sage: Das war alles wunderbar. Mittlerweile habe ich gelernt, meine Fehler und Ausrutscher zu akzeptieren.

Ist die Isabella eine Figur, die Ihnen nahe steht?

Kasarova: Schon. Sie ist eine emanzipierte Frau. Eine Vorstufe zur Carmen. Ich glaube, dass man die "Italienerin" modern inszenieren kann. Ein dankbares Stück für Regisseure - wenn sie nicht zu dumm mit der Musik umgehen.

Das heisst?

Kasarova: Es darf nie gegen die Musik und ihren Rhythmus gehen. Ich singe gern in unkonventionellen Inszenierungen - so lange nicht verlangt wird, dass ich nackt bin. Die Anforderungen an uns Sänger sind gewachsen, wir müssen immer mehr auch Schauspieler sein. Zum Glück haben wir von der jüngeren Generation das auch geschafft.

Wie ist das bei Hosenrollen? Spielen Sie bewusst einen Mann?

Kasarova: Nein, es muss ja zu mir passen. Sicherlich beobachte ich männliche Gesten, wandle sie aber für meine Person um. Es darf nicht wie ein Tick aussehen. Ein englischer Kritiker schrieb einmal, ich würde mir Einiges von Arnold Schwarzenegger abschauen. Stimmt nicht. Wenn schon kopieren, dann Woody Allen.

Manchmal müssen sich Sänger furchtbare Kostüme gefallen lassen ...

Kasarova: Es ist oft schlimm. Aber wir sehen viele Dinge zu spät, kurz vor der Premiere. Da kann man nichts mehr ändern. Ich bin eine Diplomatin und versuche, mit den Leuten zu reden. Oft liegt es daran, dass ein Regisseur oder Ausstatter uns zwar dem Namen nach kennt, aber nicht persönlich, den Typ. Zehn Mezzos in derselben Rolle: Eigentlich bräuchte jede ein eigenes Kostüm. Am wichtigsten am Theater ist doch, dass man aus dem jeweiligen Individuum das Beste herausholt und es nicht in ein Konzept zwängt. Im schlimmsten Fall verursachen sie beim Sänger Unbequemlichkeiten bis zum Komplex. Viele glauben, wir singen halt nur. Aber das ist sauschwer (lacht).

Sie haben einen kleinen Sohn. Was bedeutet das für Ihre Karriereplanung?

Kasarova: Bei längeren Gastspielen versuche ich, ihn mitzunehmen, reise auch viel mit meinem Mann. Viele Leute haben Kinder, lassen sie mal hier, mal dort, und irgendwie funktioniert das. Ich will das nicht, will jetzt eine intensive Beziehung zu meinem Sohn pflegen. In drei Jahren kommt er in die Schule, dann wird's erst richtig kompliziert.

Und was sagt er, wenn Mama singt?

Kasarova: Das war früher komisch, da hat er geweint. Ich glaube, er hat damals gedacht, wenn ich mit meiner Opernstimme singe, weine ich auch. Und heute mag er das Singen noch immer nicht, weil er weiss, dass ich weg gehe. Gott sei Dank wird ihm auch immer mehr bewusst, dass ich auch zurückkomme.

Und wenn er einmal Sänger werden möchte?

Kasarova: Ganz ehrlich, ohne Koketterie: Ich fände es furchtbar. Das ist ein so schwerer Beruf, der viele Kompromisse und Einschränkungen bedeutet. Und wenn man Erfolg hat, wird es noch viel schwerer. Man braucht ausreichend Schlaf, darf kaum ausgehen, nicht einmal in einem zu kühlen Zimmer sitzen. Und man muss den richtigen Partner finden, der das alles versteht. Das ist das Schlimmste bei uns Sängern: Wir sind alle Romantiker, sind auch unpraktisch, haben aber so viel Phantasie. Und das Leben, das wir uns ausmalen, können wir oft gar nicht leben.

Immerhin bietet die Bühne die Chance, Emotionen auszuleben.

Kasarova: Ja, schon. Aber das ist eine unrealistische Welt. Bühne ist wie ein Kinderspiel - und ermöglicht dadurch sicherlich eine Art absolute Freiheit. Das Schönste an meinem Beruf ist: Jeder Abend ist anders. Es gibt keine Routine - was im Leben ja durchaus passieren kann.

Das Gespräch führte Markus Thiel.