© Kieler Nachrichten, 22. August 2008, Seite 16, Christian Strehk

Zu Gast beim SHMF

„Jede leise Stelle ist wichtig"

Die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova im Gespräch über die Kultur des Singens

Die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova ist längst eine der gefragtesten Sängerinnen der Welt. Mit Arien aus den Opern „Alcina" und „Ariodante" von Georg Friedrich Händel gastiert sie am Montag zum krönenden Abschluss der Rendsburger Festivalsaison.

Interview: Christian Strehk

Frau Kasarova, die Arien, die Sie in Rendsburg singen werden, sind für den Kastraten Carestini geschrieben worden. Spürt man bei der Einstudierung diesen Zuschnitt auf eine ganz spezielle Stimme?

Das ist eine interessante Frage ... doch, ja. Und wenn ich jetzt spontan darüber nachdenke, habe ich das Gefühl, dass man als Mezzosopran diesem Zuschnitt besonders gut nahekommen kann. Zumal ein Kastrat vom Rang Carestinis spürbar einen weiten Stimmumfang und gleichzeitig eine voluminöse Stimme hatte. Aber damit ich hier nicht missverstanden werde: Es gibt heute wunderbare Countertenöre, die das ganz hervorragend singen. Aber die meisten sind naturgemäss etwas begrenzter in den stimmlichen Mitteln. Zumal, wenn man bedenkt, dass heute die Räume, in denen gesungen wird, sehr viel grösser sind als früher.

Händel war ein besonders ausdrucksstarker Komponist. Es gibt da diese starken Kontraste zwischen den langsamen Arien, die ich besonders liebe, und den effektvollen Koloraturen. Den Ausdruck dieser Musik kann man meiner Meinung nach nicht völlig ohne Vibrato gerecht werden.

Sie haben „Ariodante" zuletzt an der Bayerischen Staatsoper gesungen. Ist das Opernhaus in Zürich trotzdem immer noch so etwas wie eine künstlerische Heimat für Sie?

Nicht unbedingt. Ich habe hier 1989 begonnen. Und es ist ein Haus, das sehr wichtig für mich bleibt. Ich wohne nach wie vor hier in Zürich mit meiner Familie. Aber ich bin eigentlich seit nun bald zwanzig Jahren sehr, sehr viel unterwegs und deshalb nur noch Gast. Trotzdem ist die Zürcher Oper wegen ihrer Grösse sehr gut geeignet, um sich in bestimmten Partien auszuprobieren.

Sie sind offenbar eine sehr vorsichtige Sängerin in der Auswahl Ihrer Opernpartien ...

Oh ja. Ich bin ein Künstler, der sehr genau plant. Was singe ich jetzt? Was singe ich in zehn Jahren? Ich sage nicht sehr leicht ja, wenn mir Angebote gemacht werden. Und für Absagen braucht man dann viel diplomatisches Geschick ...

Sie haben die Carmen in Ihr Repertoire aufgenommen, singen den Oktavian, französische Opern und ansonsten Belcanto von Barock über Mozart bis Donizetti. Hoffen wir auf eine Kasarova-Eboli vergebens?

Nein, nein, das kommt! Aber ich staune: Ich bin nach wie vor im lyrischen Fach gefragt, obwohl die junge Generation längst auf der Bühne steht. Ich singe beispielsweise ... Deshalb gibt es aus meiner Sicht noch nicht genug Gründe, stärker ins Dramatische zu wechseln. Aber die Frage kommt. Ich bin 43 und achte sehr genau darauf, was ich noch singen und glaubhaft verkörpern kann. Und noch etwas ist sehr, sehr wichtig: Wenn man dramatische Partien angeht, muss man behutsam planen, dass man zwischendurch auch zurückschalten kann, nicht die Fähigkeit verliert, leicht und leise zu singen. Die leise Stelle ist wichtig, nicht die laute. Nach der Eboli gibt es kein zurück, dann kommen die Charakterrollen. Für den richtigen Zeitpunkt gibt es eine gute Kontrollfrage: Kann ich die Partie auch dann singen, wenn ich indisponiert bin? Bin ich bereit dazu, ohne das Niveau zu gefährden?

Bei Ihrer Carmen haben Sie diese Frage also mit einem Ja beantwortet?

Genau. Ich kann diese Partie jetzt singen, ohne ein Risiko einzugehen. Trotzdem bin ich auch hier vorsichtig: Dreimal in Zürich, viermal an der Wiener Staatsoper, dann im Sommer noch drei. Nicht mehr. Allerdings akzentuiere ich die Carmen auch anders. Ich habe nämlich lange über sie nachgedacht. Ich kann sie nun mal nicht als billige Frau singen. Die Rolle ist inzwischen viel zu sehr im Klischee versackt: Fächer, Kastagnetten, ein bisschen Hüfte. Aber in dieser Geschichte geht es gar nicht darum. Es geht um menschliche Beziehungen, um Erotik sehr wohl, aber ganz besonders auch um eine emanzipierte Frau. Sie bestimmt, was sie machen möchte. Sie ist für mich der weibliche Don Giovanni.

Pflegen Sie noch Kontakte in die bulgarische Sänger-Szene? Beim SMHF hält Anna Tomowa-Sintow gerade einen Meisterkurs ab ...

Ah! Anna Tomowo-Sintow ging mit meinem Vater zur Schule. Eine wunderbare Frau ... Ansonsten: Ich habe alle möglichen Zeitschriften abonniert. Manche Kollegen sagen ja, sie lesen das nicht. Ich lese sie alle! (lacht) So weiss ich immer genau, wer was singt. Wir sind ein kleines Land. Nur sieben Millionen Menschen leben dort. Vergleichen Sie das mal mit Russland. Und trotzdem ist Bulgarien in der Sänger-Szene präsent. Obwohl wir alle Melancholiker sind, ist uns das Singen eben wichtig.

CD-Tipp: Händel - Sento brillar. Arias for Carestini. Vesselina Kasarova, Il Complesso Barocco, Alan Curtis. RCA Red Seal / Sony.

Konzert: Montag, 25. August, 20 Uhr, Christkirche Rendsburg.