© Süddeutsche Zeitung, Beilage Sommerkonzerte, 21. April 2009, Seite V2/2, Helmut Mauró

Opernstar aus Bulgarien

Liebling der Götter und der Kritiker

Die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova begeistert ihr Publikum mit ihrer Präsenz, ihrer Herzenswärme und ihrer zurückhaltenden Eleganz

Von Helmut Mauró

So anrührend und klanglich gleichermassen authentisch und veredelt sie die Volkslieder ihrer bulgarischen Heimat vorbringt, so leidenschaftlich wirft sie sich in die Belcanto-Arien von Cilea, Verdi Tschaikowsky, Mascagni, Bizet und Saint-Saëns. Vesselina Kasarova ist derzeit eine der begehrtesten Mezzosopranistinnen, beliebt bei Veranstaltern, Opern-Intendanten und vor allem: beim Publikum. Noch bevor die Netrebko auf den Plan trat, hatte die Kasarova längst die Herzen vieler Musikfans erobert, hat sogar viele an klassischer Musik weniger Interessierte in ihre Konzerte und die Oper gelockt. Wie bei allen wirklich grossen Sängerinnen kommt bei Vesselina Kasarova mit jedem technisch perfekten und farbenreichen Ton auch gleich ein gutes Stück Persönlichkeit mit, ein Quantum Herzenswärme gar, die den Hörer sofort einnimmt und sicher umfasst. Selbst auf CD, wie auf der jüngst erschienenen Arien-CD „Passionate Arias" (RCA Red Seal) ist davon noch ein Gutteil zu spüren.

Noch vor dem Ende ihres Studiums in Sofia engagierte man die 1965 in Stara Zagora geborene Sängerin als Solistin an die Nationaloper von Sofia. Dort sang sie zunächst die Rollen der Rosina („Il barbiere di Siviglia"), Dorabella („Così fan tutte") und Preziosilla („La forza del destino"). Bereits im Alter von vier Jahren hatte sie mit dem Klavierunterricht begonnen, besuchte ein Musikgymnasium, das sie 1984 mit dem Diplom einer Konzertpianistin abschloss. Darauf folgte bis1989 eine fünfjährige Gesangsausbildung bei Ressa Koleva an der Musikakademie in Sofia. Neben verschiedenen Konzertauftritten erlebte sie nach ihrem Engagement an der Oper von Sofia auch ihr Schallplattendebüt in der von Emil Tchakarov geleiteten Produktion von Tschaikowskys „Pique Dame". 1989 lockte sie das Opernhaus Zürich mit einem Zweijahresvertrag, den sie annahm. Etwa zur gleichen Zeit wurde sie beim deutschen Gesangswettbewerb „Neue Stimmen" in Gütersloh mit dem ersten Preis ausgezeichnet. In Zürich avancierte sie unterdessen innerhalb kürzester Zeit zum Publikumsliebling und zu einer von der internationalen Fachwelt gefeierten Sopranistin, die problemlos an der Seite von grossen Kolleginnen wie Edita Gruberová oder Anne Murray bestehen konnte. Im Mozartjahr 1991 gastierte Vesselina Kasarova erstmals bei den Salzburger Festspielen, und zwar als Annio in der von Sir Colin Davis geleiteten Wiederaufnahme von „La clemenza di Tito".

Die Sängerin hat ein Faible für gebrochene Gestalten wie etwa den Sesto

In der Rolle der Rosina, die später ihre Paraderolle werden sollte, debütierte sie 1991 unter Donald Runnicles unter grossem Beifall an der Wiener Staatsoper, deren Ensemble sie für zwei Jahre angehörte. Im gleichen Jahr gab sie ebenfalls ihr Debüt als Liedsängerin mit einem Programm von Prokofjew an der Mailänder Scala. Was man sich heute kaum noch vorstellen kann: Damals musste der Veranstalter eines Münchner Liederabends sich geradezu dafür entschuldigen, als zweiten Ersatz eine unbekannte Sängerin eingeladen zu haben. Der Veranstalter tröstete die Wartenden: Die Sängerin sei direkt mit dem Taxi aus Wien gekommen, wo sie gerade in Rossinis „Barbier" an der Staatsoper gesungen hatte. Konnte also nicht ganz schlecht sein. Nun würde sie noch schnell mit einem ihr unbekannten Pianisten üben. Dann kam sie, und ihre Stimme klang, nach anfänglicher Nervosität, auf einmal völlig befreit, die Töne begannen förmlich zu glühen. Nach einer halben Stunde wusste jeder, dass es sich bei Vesselina Kasarova keineswegs um eine Verlegenheitslösung handelte, sondern - ganz im Gegenteil - um einen Glücksfall: eine künftig ganz Grosse am Beginn ihrer Karriere.

Auch ihr Salzburg-Debüt war im Grunde ein Einspringer: 1992 überraschte sie das Festspielpublikum, als sie neben der Rolle des Annio kurzfristig die Titelpartie in zwei konzertanten Aufführungen von Rossinis „Tancredi" für die erkrankte Marilyn Horne übernahm. Zwölf Jahre später war sie wieder in Salzburg in Mozarts „Titus" zu hören, diesmal in der Hosenrolle des Sesto, die sich zwischen Frauen- und Freundesliebe aufreibt. Ein weiterer Höhepunkt ihrer Karriere: Publikum wie Kritiker feierten die Kasarova als Glücksfall der Festspiele 2003.

Und wieder merkte man, auf welch stabiler Basis die Kasarova ihre Glanzleistungen aufbaut. Bei der einst in ganz Osteuropa hochqualifizierten Sängerausbildung legte man zudem Wert auf das Bühnenspiel, und die Kasarova, als elegante schlanke Erscheinung, fiel schon zu Beginn durch ihre überragende Bühnenpräsenz auf. In der Salzburger Generalprobe zu Berlioz‘ „Faust" sang sie keinen Ton - ein übliches Verfahren, um die Stimme zu schonen. Dirigent Sylvain Cambreling brummte stattdessen ihre Partie im Orchestergraben - aber allein das stumme Spiel der Sängerin entschädigte vollauf. Vesselina Kasarova verkörpert bei all ihrer zurückhaltenden Elegant einen modernen Sängerinnentypus. Nichts an ihr erinnert an die Eitelkeiten der Diven früherer Generationen. Stattdessen bevorzugt sie gebrochen vielschichtige Gestalten wie den Sesto, der schon in London und München eine ihrer grössten Glanzrollen war.

Die Kasarova, die mit ihrem Mann ...und Sohn Yves Lucien heute als Schweizer Staatsbürgerin bei Zürich lebt, hat ihre Karriere sorgfältig geplant. So hat sie sich bis heute davor gehütet, Carmen und Eboli auf einer Bühne zu singen - die grossen Wunschpartien jeder Mezzosopranistin, mit der jedoch jede Sängerin aufgrund des dramatischen und emotionalen Anspruchs und der sängerischen Wucht der Partie leicht ihre Stimme überanstrengen kann. Doch Vesselina Kasarova kalkuliert klug, was ihre - gleichwohl enormen - stimmlichen Möglichkeiten angeht. Schliesslich hat sie Verpflichtungen an den grössten Häusern weltweit. Doch sie nimmt nur 50 Termine pro Jahr an.

Nicht allein mit ihrer Stimme, sondern auch mit ihrer Ausstrahlung lockt die Kasarova auch an klassischer Musik weniger Interessierte in die Konzerthäuser. Die Bühnenszene zeigt die wandlungsfähige Mezzosopranistin in der Rolle der Margarethe in Berlioz‘ „La Damnation de Faust".