© Berliner Morgenpost, 25. März 2010, Martina Helmig


„Eine erotische und revolutionäre Frau"

Carmen - Vesselina Kasarova gibt im April die Titelpartie in Bizets Meisterwerk - Die bulgarische Mezzosopranistin von Weltrang begann ihre Karriere am Piano

„Sie ist nicht das Luder, als das sie so oft dargestellt wurde", erklärt Vesselina Kasarova. Carmen ist für sie eine der Rollen, über die die grössten Missverständnisse herrschen. „Sie ist eine erotische, starke, besonders selbstbewusste, eigentlich revolutionäre Frau. Daran liegt es, dass ihr die Männer zu Füssen liegen.

Carmen ist für sie unerreichbar! So - und nicht anders - wird sie im Libretto und durch die Musik Bizets gezeichnet. In diesem Sinne steckt ein bisschen Carmen in uns allen."

Vesselina Kasarova freut sich darauf, als Carmen an der Seite von Roberto Alagna auf der Bühne der Deutschen Oper Berlin zu stehen. Unter der Leitung von Yves Abel singt sie am 3., 6. und 10. April die Partie, die sie als eine der wichtigsten Herausforderungen bezeichnet. Schliesslich ist es die spektakulärste Rolle, die das Opernrepertoire für Mezzosoprane zu bieten hat. „Für mich ist es aber nicht die Traumpartie schlechthin, sondern eine von vielen", überlegt die Sängerin. Die Titelpartie aus „Samson et Dalila", Marguerite in „La damnation de Faust", Charlotte in „Werther" und Sesto in „La clemenza di Tito" sind ihr ebenso wichtig. Anfang 2011 wird sie ihre erste Venus im „Tannhäuser" singen. Auch darauf ist sie schon sehr gespannt.

Viel Zeit hat sie sich gelassen, bis sie sich reif für die Heldin in Bizets Meisterwerk fühlte. „Stimmlich stellt die Carmen eigentlich keine grossen Ansprüche. Die Schwierigkeit besteht darin, den sehr speziellen Charakter dieser Figur zu verkörpern, das erfordert doch viel Erfahrung." Im vorletzten Sommer, mit 42 Jahren, hat sie ihr Rollendebüt in Zürich gegeben. In der Inszenierung von Matthias Hartmann, der ihre Sicht auf Carmen teilte, fühlte sie sich besonders wohl. Seitdem hat sie die Spanierin an der Wiener Staatsoper und in Köln verkörpert. In Deutschland singt die Bulgarin am liebsten - „wegen des fachkundigen, gebildeten Publikums". Besonders intensive Abende hat sie an der Deutschen Oper Berlin erlebt, etwa in den konzertanten Vorstellungen von „Werther" mit Alfredo Kraus.

Eigentlich wollte Vesselina Kasarova Pianistin werden. Sie hat das Instrument bis zum Konzertdiplom studiert. Am Ende ihrer Ausbildung hat sie oft Sängerinnen und Sänger begleitet. Die Stimme begann sie mehr und mehr zu faszinieren. Sie wechselte das Fach. „Ich wollte herausfinden, ob ich meine Vorstellung vom Musizieren auch als Sängerin verwirklichen könnte", erinnert sie sich. Der Erfolg kam schnell. Schon während des Gesangsstudiums wurde das Mädchen aus Stara Zagora an die Nationaloper in Sofia engagiert. 1989 ging sie ans Opernhaus Zürich und avancierte zum Publikumsliebling. Nun standen ihr die Türen zur Opernwelt zwischen New York, Mailand und Salzburg weit offen. Den „Umweg" bereute sie nie: „Das theoretische Wissen darf man nicht unterschätzen. Deshalb hat mir meine Ausbildung als Pianistin enorm geholfen."

Mit Ehemann und Sohn lebt Vesselina Kasarova in Zürich. Viel zu selten hat sie Zeit, nach Bulgarien zu fahren. „Bulgarien ist und bleibt meine Heimat", sagt sie. „Im letzten Sommer haben wir wundervolle Ferien am Schwarzen Meer verbracht." Mit wachem Interesse verfolgt sie die Entwicklung des reichen bulgarischen Kulturlebens, das unter der Wirtschaftskrise gelitten hat. „Es freut mich aber sehr, dass mit Vesselin Stoykov ein junger, moderner Intendant am Opernhaus meiner Heimatstadt Stara Zagora tätig ist und sehr viel bewirkt hat."

Singen ist für die Sängerin wie Hochleistungssport. Um sich in absoluter Top-Form zu halten, achtet sie auf ein diszipliniertes Leben, gesundes Essen und viel Schlaf. „Man muss auf einiges verzichten", erklärt die erfolgsverwöhnte Sängerin. Zuhause in Zürich ist die Oper nicht die Alleinherrscherin. Ihr Sohn war mit ihrem Mann kürzlich in seinem ersten Punkrock-Konzert mit The Toy Dolls. Seit drei Jahren spielt er Gitarre, und er hat keine Scheu, vor Publikum aufzutreten. Vesselina Kasarova ist als gefragter Weltstar viel unterwegs. Jüngst war sie als Idamante in Paris, in Konzerten in Bern, Wien, Barcelona, Valencia, als Rosina in München und Charlotte in Mannheim zu erleben. Aber wenn sie gerade nicht mit Musik beschäftigt ist, gibt es für sie nur eins: „Dann bin ich bei meiner Familie, das ist das Schönste!"


© Neue Zürcher Zeitung, 10. Mai 2010, Seite 30, Marianne Zelger-Vogt

In Kürze

Vesselina Kasarova Kammersängerin

Die aus Bulgarien stammende Mezzosopranistin Vesselina Kasarova und die deutsche Sopranistin Ricarda Merbeth sind in der Wiener Staatsoper mit dem Berufstitel «Österreichische Kammersängerin» ausgezeichnet worden. Vesselina Kasarov sang fast ein Dutzend Partien im Haus am Ring. Im Mai wird sie allerdings wieder am Opernhaus Zürich auftreten.