Georg Friedrich Händel
AGRIPPINA - Agrippina
Zürich / Opernhaus / 10. Mai 2009 (P)

© Frankfurter Allgemeine Zeitung / 16. Mai 2009 Seite 36, Wolfgang Fuhrmann

Eine Welt aus dem Koffer

Händels "Agrippina" am Opernhaus Zürich

... Natürlich wurde nur Erfolgsträchtiges wieder in den Umlauf gebracht, und man versteht die Begeisterung der Venezianer: In "Agrippina", dieser zynischen politischen Komödie aus der Feder des Kardinals Vincenzo Grimani, jagt ein Schlager den anderen. Deswegen sollte dem wahren Händel-Aficionado - trotz dem jubiläumsbedingten Überangebots - Zürich eine Reise wert sein, denn eine musikalisch glänzendere "Agrippina" wird sich kaum finden lassen. Der Dirigent Mark Minkowski lässt mit dem hauseigenen Ensemble für Alte Musik "La Scintilla" nicht nur die namensgebenden Fünklein sprühen: Es lodern die Flammen, es glimmt die Glut - schliesslich heisst es ja in einer Arie, dass die Liebe ein Feuer sei. Dazu kommt eine insgesamt ausgezeichnete Sängerschar, in der sich freilich die Bösewichter wieder einmal als die interessanteren Individuen erweisen. ...

... All dies wurde überstrahlt vom prächtig-schurkischen und am Ende obsiegenden Mutter-Sohn-Tandem. Anna Bonitatibus als Nerone gab sich schluffig, sang aber mit einer Stimme wie dunkler Honig. Und die Titelheldin wurde von Vesselina Kasarova in eine Erscheinung von majestätischer Bösartigkeit verwandelt, bevorzugt in prächtige Roben mit Schlangenhaut- oder Leopardenmuster gewandet (Kostüme: Marie-Jeanne Lecca), stimmlich souverän mit einem gurgelnden Kehllaut, wenn die Intrigantin in ihr zum Durchbruch kann - eine atemberaubende Leistung. ...

© Mittelland-Zeitung, 12. Mai 2009, Seite 29, Elisabeth Feller

Kultur - Händel-Oper mit Starbesetzung

Stars wie Vesselina Kasarova trumpfen am Opernhaus Zürich in der «Agrippina» auf.

Das antike Rom als Soap-Opera

David Pountneys Fantasie entzündet sich an Georg Friedrich Händels Oper «Agrippina»: Die Inszenierung für das Zürcher Opernhaus mixt munter die Stile.

Regungslos wie eine Schlange liegt sie auf dem Tisch, lässt sich von einem farbigen Muskelprotz massieren und lauert auf Beute. Diese Frau ist schiere Verführung. Das ist sie nicht bloss, weil sie umwerfend aussieht, sondern weil sie mit Macht ausgestattet ist. Im antiken Rom ist Agrippina (Vesselina Kasarova) die Gattin von Kaiser Claudio, den sie am liebsten vom Thron stürzen würde - zugunsten von Nerone, ihrem Sohn aus erster Ehe. Der Zufall kommt ihr zu Hilfe. Ein schwarzes Couvert wird ihr überbracht. Claudio ist im Seesturm gefallen (später wird er wieder auftauchen).

«O namenlose Freude» ... in Beethovens Fidelio-Jubel bricht Agrippina zwar nicht aus - doch in ihren Augen blitzt es verräterisch freudig auf: geschafft! Sie wird Nerone auf den Thron . ... Wie in «Dallas» geht es auch in «Agrippina» um Ehrgeiz, Liebe und Macht. Bloss verkörpert bei Händel eine Frau das Böse. Agrippina lenkt mit eiskaltem Charme ihren Hofstaat mit Figuren wie Nerone, Poppea (Claudios Geliebte), Ottone (Poppeas Bewunderer) sowie Pallante und Narciso (Möchtegern-Liebehaber). Hat die Kaiserin Lust, serviert sie ihre Ergebenen mit sadistischer Lust ab - etwa in dem Tiefkühlraum mit blutigem Schlachtvieh. Solches ist garstig und wirkt im Verbund mit drehbaren Schauplätzen wie Klonlabor, Badezimmer mit gestapelten Leichen sowie Kinderzimmer mit Plüschtieren schrill und disparat. Aber: «Ist es Wahnsinn, so hat es doch Methode», sagt Hamlet und David Pountney, Johan Engels (Bühne) und Marie-Jeanne Lecca (Kostüme) halten sich daran. ...

Beispielhaft für das stete Vortäuschen ist Agrippinas Arie, in der sie Claudios Verlust beklagt. Doch bei jedem ihrer Worte schwingt das Frohlocken über den Gattentod mit. Zwei Arien weichen von diesem Vortäusch-Muster ab: Ottones Bitterkeit über seinen vermeintlichen Verrat an Claudio sowie Agrippinas Selbstzweifel. Hier ist sie so sehr bei sich, dass sich am Ende keine Hand zum Applaus regt - obgleich Vesselina Kasarovas Kunst ihn nahegelegt hätte. Damit sind wir bei den musikalischen, beglückenden Meriten. Dirigent Marc Minkowski entfacht mit dem Orchestra L Scintilla einen dunkel glühenden, rhetorischen Glanz mit prägnant rhythmischem Profil und solistischen Glanzlichtern.

Diese orchestrale Strahlkraft beflügelt das Ensemble. Wie Vesselina Kasarova aus hauchzarten Melismen mörderische Wut destilliert oder metallisch klingenden Willen im Wechsel mit betörender Süsse hält - das ist mit der schauspielerischen Anverwandlung der Figur magistral. ...

© Tages-Anzeiger, 12. Mai 2009, Seite 45, Susanne Kübler

Rabenschwarzer Humor auf knallbunter Bühne

Drastisch, klamaukig, opulent ist David Pountneys Inszenierung von Händels «Agrippina» im Zürcher Opernhaus. Und manchmal etwas zu laut für die Musik.

... Und Vesselina Kasarova gibt die Titeldomina mit hassverzehrtem Gesicht und zuckersüsser Stimme, mit vokaler Dramatik und einer Gefühlskälte, die nicht nur ihre im Kühlraum eingeschlossenen Verehrer Pallas und Narziss erschauern lässt. ... Solche Doppelstrategien beherrschen auch die Sängerinnen und Sänger - nicht nur die schon erwähnte, hinreissend abstossende Agrippina der Vesselina Kasarova. ...

© Neue Zürcher Zeitung, 12. Mai 2009, Seite 37, Marianne Zelger-Vogt

Die hohe Schule der Intrige

Händels «Agrippina» als Sänger- und Kostümfest im Zürcher Opernhaus

... Für Vesselina Kasarova ist Agrippina die erste Händel-Partie an ihrem Stammhaus - andernorts und auf CD hat sie sich längst auch in diesem Repertoire eine Spitzenposition ersungen -, und sie zieht bei diesem Rollendébut buchstäblich alle Register ihrer vokalen und darstellerischen Gestaltungskunst. Halb Schlange, halb Tigerin, wie es zwei ihrer unzähligen Kostüme (Marie-Jeanne Lecca) veranschaulichen, brilliert sie mit fulminanten Koloraturen und einer unnachahmlichen Palette von Farben, die raffiniert zwischen dem erdigen Dunkel der Tiefe und dem glanzvollen Licht der Höhe changieren.
Jede Phrase, jeder Ton erhält da - auch in den zahllosen Rezitativen - eigenen Klang und eigene Gesten, Blicke, Gebärden, dies alles mit hinreissender Lust am Verstellungsspiel. Doch am schönsten entfaltet sich die an dramatischer Ausdruckskraft immer noch wachsende Mezzostimme am Schluss in der Arie «Se vuoi pace», wo Vesselina Kasarova nach dem langen Parcours hingebend betriebener Boshaftigkeit und Skrupellosigkeit zu konzentrierter Ruhe und die schillernde Figur zu sich selbst findet. ...

© Die Südostschweiz, 12. Mai 2009, Seite 21, Reinmar Wagner

Was einst Venedig freute, ist auch in Zürich ein Genuss

Das Zürcher Opernhaus hat schon oft mit Georg Friedrich Händel geglänzt. Zu dessen 250. Todesjahr brachte es am Sonntag die Oper «Agrippina» amüsant und musikalisch hochstehend auf die Bühne.

... Ein veritables Star-Ensemble hat Opernhaus-Intendant Alexander Pereira für «Agrippina» aufgeboten. Die Titelrolle singt Vesselina Kasarova - eine begeisternde Agrippina, die dank reicher stimmlicher Mittel und technischer Souveränität so keck und mitreissend mit den Tönen und Ausdrucksbereichen spielen kann, dass es eine wahre Freude ist. ...

© Zürichsee-Zeitung, 12. Mai 2009, Seite 25, Werner Pfister

Opernhaus - David Pountney inszeniert Georg Friedrich Händels frühe Oper «Agrippina»

In den Laboratorien der Macht

Es ist die erste Händel-Oper, die David Pountney auf die Bühne bringt, einfallsreich und turbulent fast bis zur Beliebigkeit. Die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova gibt als Protagonistin den Ton an.

... Lustig ist das vor allem für die Drahtzieher der zahllosen Intrigen, allen voran für Agrippina. Vesselina Kasarova ist hier mit sichtlicher Lust und Lüsternheit bei der Sache. Sie taktiert und laviert, verführt und intrigiert, und das mit allen - nicht nur stimmlichen - Reizen. Bewundernswert, wie sie ihren üppigen Mezzosopran einsetzt, wie sie sich mit primadonnenhaftem vokalem Ambitus Raum und Aufmerksamkeit verschafft, dabei nie ihre Haltung und Fasson verliert und, wo nötig, mit echt grossen Tönen den Ton angibt. ...

© Zürcher Oberländer, 12. Mai 2009, Seite 25, Werner Pfister

Opernhaus - David Pountney inszeniert Georg Friedrich Händels frühe Oper «Agrippina»

In den Laboratorien der Macht

Es ist die erste Händel-Oper, die David Pountney auf die Bühne bringt, einfallsreich und turbulent fast bis zur Beliebigkeit. Die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova gibt als Protagonistin den Ton an.

... Lustig ist das vor allem für die Drahtzieher der zahllosen Intrigen, allen voran für Agrippina. Vesselina Kasarova ist hier mit sichtlicher Lust und Lüsternheit bei der Sache. Sie taktiert und laviert, verführt und intrigiert, und das mit allen - nicht nur stimmlichen - Reizen. Bewundernswert, wie sie ihren üppigen Mezzosopran einsetzt, wie sie sich mit primadonnenhaftem vokalem Ambitus Raum und Aufmerksamkeit verschafft, dabei nie ihre Haltung und Fasson verliert und, wo nötig, mit echt grossen Tönen den Ton angibt. ...

© St. Galler Tagblatt, 12. Mai 2009, Seite f2, Tobias Gerosa

Machtphantasien

Zürich - Händels Agrippina in der Regie von David Pountney ist ein episches Vergnügen.

... Im Zentrum steht Vesselina Kasarovas Agrippina, ein Tier der Macht. Ihre stimmlichen Möglichkeiten scheinen unbegrenzt, sie stellt sie in jedem Moment in den Dienst der Rolle.